VW kündigt fast alle Tarifverträge - IG Metall warnt vor großem Krach

Von Reuters News
Mitarbeiter des größten europäischen Automobilherstellers, der Volkswagen AG, versammeln sich in Wolfsburg bei Protesten für Lohnerhöhungen vor der VW-Zentrale, Wolfsburg, Deutschland, 2. Dezember 2024. Julian Stratenschulte/Pool via REUTERS

- von Rachel More und Ilona Wissenbach

- Der Streit bei Volkswagen über Stellenabbau und niedrigere Arbeitskosten erreicht eine neue Eskalationsstufe: Der kriselnde Autobauer will das Tarifniveau absenken und kündigt deshalb mehrere Haustarifverträge mit der IG Metall zum 31. Dezember, wie das Unternehmen am Mittwoch mitteilte. Der IG Metall zufolge sollen zehn Verträge und damit fast alle neu verhandelt werden, einschließlich des etwa die Arbeitszeit regelnden Manteltarifvertrages. Das wirtschaftliche Umfeld habe sich für die Branche wie für VW in den vergangenen 18 Monaten gravierend verschärft, sagte Personalvorstand Arne Meiswinkel. "Unser Ziel ist es, Volkswagen zukunftssicher aufzustellen"

Gewerkschaft und Betriebsrat reagierten empört auf den Vorstoß. "Das ist ein übles Foul an der Belegschaft und erneut ein schamloser Versuch, in die Geldbeutel der Beschäftigten greifen zu wollen", erklärte IG-Metall-Bezirkschef und Verhandlungsführer Thorsten Gröger. Betriebsratschefin Daniela Cavallo sprach von Erpressung. Die Belegschaft sei bereit, Krisen anzuerkennen, müsse aber wissen, wofür sie Zugeständnisse machen soll. Darüber, wie das Unternehmen die 2024 vereinbarte Beschäftigungssicherung bis 2030 einhält, sei nicht gesprochen worden. Auch zu gefährdeten deutschen Standorten habe es keine Zusage gegeben. Cavallo und Gröger erwarten jetzt eine harte Auseinandersetzung um den Jahreswechsel, wenn die Friedenspflicht endet und Streik möglich ist.

DRUCK DURCH CHINA-KONKURRENZ

Die Arbeitnehmervertreter verhandeln mit dem Management bereits über den tiefgreifendsten Umbau in der Geschichte des Wolfsburger Autokonzerns. Der Autobauer steht wegen der Konkurrenz durch chinesische Rivalen und hoher Produktionskosten in Deutschland unter großem Druck. Bei Volkswagen stehen im Zuge der Sanierung bis zu 60.000 weitere Arbeitsplätze auf dem Spiel, die Schließung von drei VW-Werken und einem Audi-Werk in Deutschland droht. Auch der Konkurrent Mercedes-BenzMBGn.DE warnte die Belegschaft vor dem Aus von zwei deutschen Werken, wenn der Betriebsrat längeren Arbeitszeiten und Kostensenkungen nicht zustimmen sollte.

Volkswagen erklärte, der 2024 vereinbarte Zukunftstarifvertrag sei von den Kündigungen nicht betroffen. Darin waren Maßnahmen zur Kostensenkung vereinbart worden, der Abbau Zehntausender Arbeitsplätze und eine Beschäftigungssicherung bis 2030. Auf den Verhandlungstisch kommen neben dem schon von der Gewerkschaft gekündigten Entgelttarifvertrag zum Beispiel die tarifliche Zusatzvergütung, bei der Beschäftigte zwischen sechs zusätzlichen freien Tagen oder einer Zahlung von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens wählen können. Die Regelungen in den Tarifverträgen seien deshalb auf den aktuellen Kostendruck anzupassen, sagte Meiswinkel mit Verweis auf die wachsende Konkurrenz chinesischer Hersteller in Europa. "Diese Marktveränderungen sind strukturell und tiefgreifend."

Die Forderung der IG Metall, bei Volkswagen wie in der gesamten Metall- und Elektroindustrie die Entgelte um fünf Prozent zu erhöhen, lehnte der VW-Manager ab. "Es gilt sogar mehr als zuvor, dass Volkswagen seine Kosten senken und auf ein wettbewerbsfähiges Niveau bringen muss." Die vom Vorstand angestrebten Kündigungen könnten frühestens ab Januar 2027 wirksam werden. Weitere Gespräche sind für die zweite Oktoberhälfte geplant.