Trucks und Fabriken - Rüstungsboom weckt Hoffnungen in Autobranche
- von Nick Carey und Gilles Guillaume und Kalea Hall
London/Detroit/Paris, 28. Sep (Reuters) - Angesichts der Krise in der Autobranche schürt die militärische Aufrüstung in Europa und den USA Hoffnungen in den Chefetagen der Firmen - schließlich winken steigende Verkäufe margenstarker Trucks und die Umnutzung nicht ausgelasteter Fabriken. Hersteller wie General MotorsGM.N, FordF.N oder die Tata MotorsTAMO.NS-Tochter Jaguar Land Rover verhandeln mit Nato-Streitkräften über den Verkauf von militärischen Versionen ihrer Geländewagen und Pickup-Trucks. Das Militär frage Fahrzeuge mit hoher Nutzlast an, ein wachsendes Geschäft und der Kern von Fords Geschäftsstrategie, sagte der für Europa zuständige Ford-Manager Jim Baumbick.
Andere, wie VolkswagenVOWG.DE oder StellantisSTLAM.MI, sehen durch die Rüstungsbranche eine Chance für ihre nicht ausgelasteten Fabriken. So wird das VW-Werk in Osnabrück, in dem derzeit noch das T-Roc-Cabrio gebaut wird, zu einem Rüstungscampus. Als erstes Projekt will dort der israelische Iron-Dome-Hersteller Rafael Luftverteidigungssysteme bauen. Stellantis will ein Werk in Kanada an Roshel abgeben, einen Hersteller gepanzerter Fahrzeuge. Der niederländische Auftragsfertiger VDL hat seine Anlage in Born bereits umgestellt und fertigt dort unter anderem militärische Roboter und Drohnen.
Doch ein Allheilmittel für die darbende Auto-Branche, die unter dem Marktkollaps in China, der Billig-Konkurrenz in Europa und den Zöllen von US-Präsident Donald Trump leidet, ist es nicht. Es gebe viel Gerede, bei denen es um Rüstungschancen gehe, vor allem seit dem Beginn des Iran-Kriegs im Frühjahr, sagte Ian Henry, Direktor der Unternehmensberatung AutoAnalysis. "Aber bislang gibt es wenig Konkretes zu melden." Zumal Projekte auch wieder erlahmen können - wie beim Panzerbauer KNDS und dem MercedesMBGn.DE-Werk in Ludwigsfelde, wo sich ein Verkauf Berichten zufolge sich verzögert, weil ein Großauftrag fehlt.
ANALYSTIN SIEHT NUR GERINGE FINANZIELLE CHANCEN
Die Jefferies-Analystin Vanessa Jeffriess sagte, Autobauer redeten auch deswegen so viel über Rüstungsprojekte, weil sie sonst nur über wenige Wachstumschancen verfügten. Sie wollten als Unternehmen wahrgenommen werden, die versuchten, ihr Geschäft zu diversifizieren. "In Wirklichkeit werden all diese Chancen sehr geringe finanzielle Auswirkungen haben", sagte sie.
Wie gering der Rüstungsbeitrag ist, zeigt das Beispiel Renault: Die französische Regierung hat das Unternehmen mit dem Bau von 1000 Drohnen pro Monat beauftragt. Verglichen mit den rund 10.000 Autos, die täglich von den Bändern laufen, ist das eine geringe Zahl. Ähnlich bei GM. Der führende US-Autobauer will in diesem Jahr 700 Millionen Dollar Umsatz mit Rüstungsprojekten machen und sagt für die Sparte in den kommenden Jahren ein Wachstum von jeweils 30 Prozent voraus. Rechnet man das hoch, kommt man 2029 auf Rüstungserlöse von 1,5 Milliarden Dollar. Zur Einordnung: 2025 erwirtschaftete GM einen gesamten Umsatz von 185 Milliarden Dollar.
Ein wichtiger Grund, warum die Fahrzeug- und die Rüstungsbranche nur auf dem ersten Blick gut zusammenpassen, ist die Art, wie gearbeitet wird. Autofabriken sind auf Massenfertigung ausgelegt, dort laufen Tausende Fahrzeuge in Serienproduktion vom Band. In der Rüstungsbranche ist dagegen viel Handarbeit nötig, dort werden in kleinen Stückzahlen Fahrzeuge aufwändig umgerüstet. Entsprechend ist das Thema Rüstung vor allem eine Chance für kleinere Anlagen. Wie das VW-Werk in Osnabrück, in dem derzeit noch rund 1800 Menschen arbeiten und das damit das kleinste unter den fahrzeugproduzierenden Werken in Deutschland ist.
Oder kleinere Fabriken von Zulieferern, die zudem häufig noch flexibler sind als Autowerke. Rüstung "verspricht Wachstum, was der Automarkt nicht tut", sagte im Juli Christophe Perillat, Chef des französischen Zulieferers ValeoVLOF.PA. Der französische Zulieferer ForviaFRVIA.PA nutzt bestehende Produktionskapazitäten, um Rüstungschancen auszuloten. Finanzchef Olivier Durand sagte, das sei attraktiv, weil nur geringe Investitionen nötig seien. Zuletzt hatte das Unternehmen sein Werk in Augsburg mit rund 300 Mitarbeitern an das Rüstungsunternehmen General Dynamics abgegeben.
Für Autobauer ist es dagegen lukrativ, bestehende Fahrzeuge für Rüstungszwecke zu verwenden. So bewerben sich GM, Ford und Jaguar Land Rover um einen 900 Millionen Pfund schweren Auftrag der britischen Streitkräfte, die in einem ersten Schritt 3000 leichte Nutzfahrzeuge kaufen wollen. JLR-Generaldirektor Mark Cameron sagte, es sei strategisch sinnvoll, ein Fahrzeug zu nutzen, das sein Unternehmen ohnehin produziere. "Aber wir sind nicht davon abhängig." In neue Technologien einzusteigen, wie Drohnen, lehne er ab. "Unser Kerngeschäft sind Fahrzeuge", sagte Cameron. "Wir wollen nicht auf Nebenschauplätze abdriften."