Steigende Zinsen verschärfen Probleme an Europas Immobilienmarkt

Von Reuters News

- von Iain Withers und Tom Sims

- Steigende Finanzierungskosten setzen den angeschlagenen europäischen Gewerbeimmobilienmarkt zunehmend unter Druck. Investoren, Banker und Makler berichten von wachsenden Schwierigkeiten bei Refinanzierungen. Einige Investoren sehen sich gezwungen, vereinbarte Geschäfte neu zu verhandeln. Die Renditen von Staatsanleihen sind in Europa und weltweit auf Mehrjahreshochs gestiegen, was die Finanzierungskosten für die zinssensitive Immobilienbranche in die Höhe treibt.

Dies spiegelt sich auch in den Transaktionsdaten wider. Das Transaktionsvolumen bei Gewerbeimmobilien in Europa sank im dritten Quartal auf 43 Milliarden Euro, wie aus Daten des Analysedienstes MSCI vom Donnerstag hervorgeht. Dies ist der niedrigste Quartalswert seit drei Jahren. Seit Jahresbeginn ging das Volumen im Vergleich zum ohnehin schwachen Vorjahr um drei Prozent zurück. Der Verkauf von Büroimmobilien brach sogar auf den niedrigsten Stand seit der globalen Finanzkrise im Jahr 2009 ein.

Der Abwärtstrend trifft einige der größten Immobilieninvestoren in Europa. Die Fondstochter der Deutschen BankDBKGn.DE, DWS, schränkte in dieser Woche vorübergehend die Rücknahme von Anteilen eines Immobilienfonds ein. Deutschlands größter Immobilienkonzern VonoviaVNAn.DE teilte mit, dass die höheren Zinsen das Transaktionsgeschäft belasteten. Das Unternehmen will zudem sein Projektentwicklungsgeschäft auf den Prüfstand stellen. Der geplante Abbau der milliardenschweren Schulden Vonovias wird zudem durch die Entwicklung nicht leichter. In Großbritannien haben die Branchenriesen Land SecuritiesLAND.L und British LandBLND.L Entwicklungsprojekte in London im Wert von mehr als einer Milliarde Pfund (rund 1,2 Milliarden Euro) vorerst gestoppt.

Angesichts der gestiegenen Zinsen kommt es bei Verkäufen immer häufiger zum "Retrading" – das ist das Nachverhandeln niedrigerer Preise vor dem endgültigen Abschluss eines Geschäfts. Drei Investoren sagten der Nachrichtenagentur Reuters, dass solche Nachverhandlungen die Immobilienpreise um zwei bis drei Prozent drückten. Ein Manager eines britischen Projektentwicklers, der namentlich nicht genannt werden wollte, erklärte, dass die Abschläge in einigen Fällen auch mehr als zehn Prozent betragen könnten. Auch der weltweit größte Immobilieninvestor BlackstoneBX.N teilte bei der Vorlage seiner Zahlen für das dritte Quartal mit, dass die höheren Zinsen das Vermögenswachstum in Europa und auf dem US-Mietwohnungsmarkt gebremst hätten. Der Konzern rechnet jedoch mit einer langfristigen Erholung.

Die höheren Zinsen, die durch den Nahost-Konflikt und Inflationssorgen angetrieben werden, haben Refinanzierungen verteuert. Zudem seien Kreditgeber beim Verschuldungsgrad vorsichtiger geworden, obwohl Finanzierungen für die meisten Objekte weiterhin problemlos verfügbar seien, erklärten Finanzierungsberater der Immobilienberater CBRE und JLL. Chris Gow, Leiter des Bereichs Fremdkapital und strukturierte Finanzierungen in Europa beim Immobiliendienstleister CBRE, sagte: "Seit sechs Jahren haben wir gefühlt jedes Jahr ein sogenanntes 'Schwarzer-Schwan-Ereignis'". So nennen Ökonomen ein unwahrscheinliches und überraschendes Geschehen mit massiven Folgen. "Kreditgeber und Kreditnehmer sind jedoch widerstandsfähiger geworden", erklärte Gow weiter.