PLATOW Börse - Motorola Solutions macht aus Funk ein Sicherheitsnetz
Hohe Wechselkosten für die Kunden schützen das Geschäft von Motorola Solutions. Video, KI und Softwarelösungen eröffnen zusätzliches Potenzial. Die Aktie hat ihre überhöhte Bewertung abgebaut.>
139 Mio. US-Dollar gibt der US-Bundesstaat Louisiana in den kommenden zehn Jahren für Technik von Motorola Solutions aus, wie das Unternehmen am 14. September mitteilte. Motorola ist mit Funkgeräten und -netzen für Polizei und Rettungsdienste groß geworden. In Louisiana liefert der Konzern zusätzlich Bodycams, Fahrzeugkameras, Leitstellensoftware und eine gemeinsame Verwaltung digitaler Beweismittel. Bisher getrennte Lösungen mehrerer Anbieter sollen einem Gesamtsystem weichen. Der Auftrag zeigt beispielhaft, wie dieses Modell funktioniert.
Den Namen Motorola kennen viele noch von früheren Mobiltelefonen. Die Handysparte wurde 2011 abgespalten und gehört heute zum chinesischen Konzern Lenovo. Motorola Solutions führte das Geschäft mit Behördenfunk fort und erweiterte es um Videoüberwachung, Software und KI. Heute kann der Konzern einen Polizeieinsatz nahezu vollständig technisch begleiten: Software verarbeitet Notrufe und unterstützt die Einsatzplanung. Funknetze verbinden die Einsatzkräfte, Kameras dokumentieren das Geschehen. Weitere Programme speichern die Aufnahmen und erleichtern deren Auswertung. KI kann Gespräche transkribieren und Einsatzberichte vorbereiten.
Die einsatzkritische Kommunikation bleibt Motorolas größtes Geschäft: 2025 entfielen rund 74% des Konzernumsatzes auf Funkgeräte, Funknetze und damit verbundene Leistungen. Videoüberwachung und Zutrittskontrollsysteme steuerten 18% bei, Leitstellentechnik 8%. Seit 2021 legten die Umsätze der beiden kleineren Geschäftsfelder einschließlich Übernahmen aber um rund 70% zu, also um 14 bis 15% pro Jahr. Im Funkgeschäft waren es nur 35% oder knapp 8% jährlich. Auch unser Depotwert Ceotronics profitiert vom steigenden Bedarf an zuverlässiger Einsatzkommunikation. Die Hessen entwickeln insbesondere Headsets, Bedieneinheiten und Kommunikationssysteme für Polizei und Militär. Motorola liefert dagegen ganze Funknetze, Leitstellen und Videoplattformen. Während Ceotronics an spezialisierter Einsatztechnik verdient, erhält Motorola auch langjährige Wartungs- und Softwareerlöse aus einer weltweiten Infrastruktur.
Funknetze binden Kunden über Jahrzehnte Motorola hat nach eigenen Angaben rund 13.000 Funknetze weltweit installiert. In etwa 60% der rund 6.000 US-Notrufzentralen kommt mindestens eine seiner Softwarelösungen zum Einsatz. Hinzu kommen rund 5,5 Mio. installierte stationäre Überwachungskameras. Diese Kundenbasis ist der eigentliche Burggraben. Wer ein landesweites Funknetz betreibt, tauscht dessen Technik nicht leichtfertig aus. Sicherheit, Kompatibilität und der störungsfreie Betrieb wiegen im Einsatz schwerer als ein günstigerer Anschaffungspreis.
Der Vorsprung ist nicht per se unüberwindbar: Die Funkstandards P25 und TETRA stehen grundsätzlich auch anderen Herstellern offen. Motorola profitiert daher weniger von einer exklusiven Technologie als von der tiefen Integration seiner Systeme. Langjährige Wartungsverträge sichern laufende Erlöse. Zusätzliche Funkgeräte, Bodycams und Leitstellenprogramme lassen sich an bestehende Kunden verkaufen. Weitere Nachfrage entsteht durch die Modernisierung älterer Funknetze und die Digitalisierung der Polizeiarbeit. Ein aktuelles Beispiel liefert Österreich: Dort stattet Motorola 29 Justizanstalten mit Bodycams und Videosoftware aus. Das Projekt baut auf der bestehenden Funkinfrastruktur des Konzerns auf. KI-Funktionen und der stärkere Schutz kritischer Infrastruktur erschließen weitere Einsatzfelder.
Gewinne und Cashflow wachsen kräftig Die wirtschaftliche Qualität ist bereits sichtbar. Von 2021 bis 2025 stieg Motorolas Umsatz von 8,2 Mrd. auf 11,7 Mrd. Dollar, im Schnitt um gut 9% jährlich. Die bereinigte operative Marge verbesserte sich von 25,9% auf 30,3%. Der freie Cashflow (FCF) legte von 1,6 Mrd. auf 2,6 Mrd. Dollar zu, ein jährliches Plus von knapp 13%. Die FCF-Marge stieg von 19,5% auf 22,0%. Motorola verbindet Wachstum mit hoher Profitabilität und vergleichsweise geringen Sachinvestitionen.
Das zweite Quartal 2026 brachte 13% Umsatzwachstum auf 3,1 Mrd. Dollar und einen üppigen Auftragsbestand von 15,6 Mrd. Dollar. Organisch, also ohne jüngere Übernahmen, wuchsen die Erlöse allerdings nur um 5%; im ersten Halbjahr waren es knapp 2%. Die bereinigte operative Marge erreichte 32,9%. Davon entfielen 1,9 Prozentpunkte auf einmalige Zollerstattungen. Ohne diesen Effekt lag die Marge bei rund 31,0%, nach 29,6% im Vorjahresquartal. Der Vorstand hob die Jahresprognose im August erneut an. Für 2026 erwartet Motorola nun rund 13,0 Mrd. Dollar Umsatz und einen bereinigten Gewinn je Aktie von 17,62 bis 17,72 Dollar. Der hohe Auftragsbestand bietet Umsatzvisibilität, ist wegen Kündigungsmöglichkeiten in einzelnen Serviceverträgen aber nicht vollständig garantiert.
Zukäufe erweitern das Marktpotenzial Motorola hat sein Portfolio konsequent durch Übernahmen erweitert. Für Silvus, einen Spezialisten für mobile Funknetze in der Verteidigungstechnik, zahlte der Konzern 2025 zunächst 4,4 Mrd. Dollar. Im August 2026 folgte D-Fend für 1,5 Mrd. Dollar. Dessen Technik kann bestimmte unerlaubt fliegende Drohnen elektronisch übernehmen und kontrolliert zur Landung bringen. Motorola erschließt damit einen zusätzlichen Markt für Polizei, Militär und Betreiber kritischer Infrastruktur.
Anfang Juli lag Motorolas Nettoverschuldung bei 8,3 Mrd. Dollar, dem Zweifachen des bereinigten EBITDA. Auch nach der inzwischen abgeschlossenen Übernahme erwartet der Vorstand zum Jahresende einen ähnlichen Verschuldungsgrad. Die Kapitalrendite (ROCE) sank laut Refinitiv 2025 von 32,9% auf 26,6%. Das ist immer noch ein sehr hoher Wert, Motorola muss nun aber beweisen, dass sich die teuren Zukäufe nachhaltig rentieren. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck durch Axon, insbesondere bei Bodycams, digitalen Beweismitteln und zunehmend Leitstellensoftware. Axon wächst schneller, Motorola verfügt dafür über die breitere Funkbasis und den deutlich höheren freien Cashflow.
Bewertung verlangt weiteres Gewinnwachstum Die Aktie (456,39 Dollar; US6200763075) wird aktuell mit einem 12-Month-Forward-KGV von 24 gehandelt. Das liegt über dem Zehnjahresschnitt von 21,7, aber unter dem Fünfjahresmittel von 25,5. Ein Schnäppchen ist Motorola damit nicht. Die hohen Wechselkosten für Kunden, die starke Marktstellung und das nachhaltig ertragreiche Geschäftsmodell rechtfertigen höhere Bewertungen aber. Der Konsens erwartet bis 2028 rund 21,53 Dollar bereinigten Gewinn je Aktie, nach 15,38 Dollar im Jahr 2025. Das entspricht knapp 12% Wachstum pro Jahr. Der Free Cashflow soll in ähnlichem Ausmaß bis 2028 auf rund 3,6 Mrd. Dollar klettern.
Zudem ist das KGV durch die Konsolidierung des Aktienkurses in den vergangenen zwei Jahren bereits deutlich zurückgekommen. Im Dezember 2024 lag das Multiple bei 34. Die Aktie ist in dieser Phase mehrfach an der Marke von 492,00 Dollar abgeprallt. Die anschließenden Rücksetzer fielen jedes Mal schwächer aus, der Verkaufsdruck lässt also nach.
Wir raten daher bei Motorola Solutions zum gestaffelten Einstieg auf aktuellem Niveau und bei etwaigen Rücksetzern auf 420,00 Dollar. Stopp: 320,00 Dollar.