PLATOW Börse - Gesundheitswerte drehen nach oben – doch die Chartsieger sind schon fair bewertet

Von Platow Brief

Acht Gesundheitsaktien haben seit April ihre 200-Tage-Linie überwunden. Belastbar ist das Signal nur bei zweien, und die sind fair bewertet. Mehr Potenzial sehen wir dort, wo die Fundamentaldaten dem Kurs voraus sind.>

Für viele Strategen stand zu Jahresbeginn fest: 2026 wird das Jahr der Gesundheitswerte. Defensive Geschäftsmodelle, moderate Bewertungen – das Drehbuch schien geschrieben. Doch der Markt spielte lange nicht mit. Noch Mitte April notierten zwölf der 17 deutschen Branchenwerte unter ihrer 200-Tage-Linie.

Seitdem hat sich das Bild aufgehellt. Wir haben die 16 Gesundheitswerte aus DAX, MDAX und SDAX geprüft, dazu die indexlose Stratec. Die folgenden acht Werte haben sich seit Mitte April über ihre 200-Tage-Linie geschoben:

 

 

Ein Signal ist aber noch kein Trend. Für einen belastbaren Ausbruch muss die 200-Tage-Linie selbst steigen, also höher liegen als vor drei Monaten. Zudem muss der Kurs seit mindestens 20 Handelstagen ununterbrochen darüber notieren, statt um die Linie zu pendeln.

Beide Kriterien erfüllen nur Merck und Schott Pharma. Doch Charttechnik allein reicht nicht. Entscheidend ist, ob die fundamentale Entwicklung die Kursgewinne rechtfertigt. Wir untersuchen deshalb vier Aufsteiger genauer – und als Gegenprobe eine Aktie, deren Chart noch gar nicht mitspielt.

Trend bestätigt, Bewertung ausgereizt Merck besteht den Chart-Test lückenlos. Die DAX-Aktie (144,00 Euro; DE0006599905) notiert seit Mitte Mai durchgehend über ihrer 200-Tage-Linie. Diese liegt inzwischen gut 5% höher als vor drei Monaten.

Auch fundamental stimmt das Bild: Nach einem robusten zweiten Quartal (siehe Kurzmeldung vom 6.8.) hat Merck die Prognose angehoben. Erwartet werden nun 21,0 bis 21,8 Mrd. Euro Umsatz und ein EBITDA pre von 5,9 bis 6,3 Mrd. Euro. Mit dem 16,7-Fachen des erwarteten Gewinns liegt die Bewertung allerdings exakt auf dem Zwölfjahresschnitt. Die besseren Aussichten sind aus unserer Sicht damit fair eingepreist. Merck bleibt auf Beobachten. Wir warten auf einen günstigeren Einstieg.

Schott Pharma (25,35 Euro; DE000A3ENQ51) erfüllt ebenfalls beide Chart-Kriterien und zeigt das stärkste Momentum im Feld: Binnen sechs Monaten gewann die Aktie 65%. Seit dem 22. Juni notiert sie durchgehend über ihrer 200-Tage-Linie, die seit Juli wieder steigt. Unser Einstieg am 3. Juni kam damit genau zum richtigen Zeitpunkt. PLATOW-Leser liegen 48% im Plus. Im August bestätigten wir das Kaufvotum, weil beide Segmente wachsen und die Margen sich erholen.

 

Inzwischen ist die Aktie aber heiß gelaufen: Sie notiert mehr als ein Drittel über ihrer 200-Tage-Linie. Das KGV von knapp 23 entspricht dem Schnitt seit dem Börsengang, der Bewertungspuffer ist aufgezehrt. Neuen Spielraum schaffen nur weiter steigende Margen. Ob das gelingt, müssen die Q4-Zahlen im Dezember zeigen. Wir stufen Schott Pharma zunächst auf Halten ab und ziehen den Stopp auf 19,25 Euro nach. Er liegt damit fast 12% über unserem Einstiegskurs von 17,26 Euro.

Chart wackelig, Fundament stark Siemens Healthineers liefert das Gegenbild. Seit August kreuzte der Kurs die 200-Tage-Linie 17-mal, häufig schon nach ein bis drei Tagen wieder in die Gegenrichtung. Nur an der Hälfte der Handelstage lag er darüber. Zudem fällt die Linie noch leicht. Ein belastbarer Aufwärtstrend sieht anders aus.

 

Fundamental überzeugt die Aktie deutlich mehr. Zollrückerstattungen stützen die Gewinnprognose, die Auftragsbücher sind gut gefüllt. Seit unserem Einstieg am 31. Juli zu 36,94 Euro hat die Aktie (41,08 Euro; DE000SHL1006) rund 11% gewonnen.

Trotzdem notiert das KGV von 17,4 noch 20% unter dem langjährigen Schnitt von 21,7. Die jüngste Kurserholung hat damit ein solides fundamentales Fundament – und die Bewertung bietet weiter Spielraum. Wir bekräftigen unser Kaufen-Votum für Siemens Healthineers und erhöhen den Stopp auf 30,50 (28,50) Euro.

Chart dreht, Fundament hinkt hinterher Bei Carl Zeiss Meditec (32,60 Euro; DE0005313704) ist es umgekehrt. Die Aktie hat eine der deutlichsten charttechnischen Wenden vollzogen: Im April notierte sie noch 29% unter ihrer 200-Tage-Linie, inzwischen liegt sie 14% darüber.

Belastbar ist die Erholung aber nicht. Die Linie hat binnen drei Monaten 11% verloren – der stärkste Rückgang unter den acht Aufsteigern. Ein Kurs über einer fallenden 200-Tage-Linie kann auch nur eine Erholung im Abwärtstrend signalisieren.

Anders als bei Siemens Healthineers fehlt zudem die fundamentale Unterstützung. Insiderkäufe und erste Anzeichen stabiler Schätzungen hatten zwar eine Erholung ausgelöst. Zuletzt sanken die Gewinnerwartungen für 2026 aber wieder leicht. Hinzu kommt die offene Führungsfrage: Wann löst die designierte Chefin Bronwyn Brophy O’Connor die Interimsführung ab?

Das KGV von rund 26 liegt deutlich unter dem langjährigen Schnitt von 36,7. Doch der Abschlag spiegelt verlorenes Vertrauen wider. Solange die Schätzungen sinken und die Führungsfrage offenbleibt, halten wir ihn für gerechtfertigt. Carl Zeiss Meditec bleibt auf Beobachten.

Schwacher Chart, unterschätztes Potenzial Eckert & Ziegler (12,73 Euro; DE0005659700) zeigt, warum ein schwacher Chart kein Ausschlusskriterium sein muss. Zwischen Ende Mai und Anfang Juli scheiterten drei Ausbruchsversuche über die 200-Tage-Linie nach wenigen Tagen. Seit Juli notiert die Aktie durchgehend darunter, aktuell gut 10%. Die Linie fällt weiter. Am 23. Juli wurden wir mit 20% Verlust ausgestoppt.

 

Operativ läuft es dagegen solide. Nach den Halbjahreszahlen bestätigte der Strahlenspezialist Mitte August seine Jahresziele. Inzwischen haben sich auch die Gewinnschätzungen stabilisiert. Seit Mitte September hat die Aktie bei Kursen um 12 Euro einen Boden ausgebildet.

Rückenwind dürfte im zweiten Halbjahr die Sparte Isotope Products liefern. Der hohe Ölpreis belebt die Investitionen der Öl- und Gasbranche, einer wichtigen Kundengruppe. Dadurch gewinnen margenstarke Produkte an Gewicht. Zudem wächst das Geschäft mit Lu-177, einem radioaktiven Isotop für die Krebstherapie.

Das KGV von 14,1 liegt fast 50% unter dem langjährigen Schnitt von 26,8. Der Markt preist damit erhebliche Skepsis ein. Angesichts bestätigter Jahresziele und stabilisierter Gewinnschätzungen halten wir den Abschlag für überzogen. Wir empfehlen bei Eckert & Ziegler den Wiedereinstieg mit Stopp bei 9,60 Euro.

Gute Charts allein reichen nicht Die besten Kaufchancen im Gesundheitssektor liegen derzeit nicht bei den Chartsiegern. Merck und Schott Pharma überzeugen technisch, bieten nach ihrer Erholung aber wenig Bewertungsspielraum. Carl Zeiss Meditec zeigt wiederum, dass ein steigender Kurs ohne fundamentale Bestätigung noch keine Trendwende bedeutet.

Bei Siemens Healthineers und Eckert & Ziegler ist das Verhältnis umgekehrt: Die Charts hinken der operativen Entwicklung hinterher, während die Bewertungen weiterhin Potenzial bieten. Beide Aktien sind deshalb unsere Favoriten im Sektor.