PLATOW Börse - Cboe verdient dreifach an der Nervosität der Anleger
Je nervöser die Wall Street, desto voller die Kasse in Chicago. Cboe hat sich ein Geschäft aufgebaut, das an der Angst der Anleger gleich mehrfach verdient. Und die Lizenz dafür ist auf Jahrzehnte gesichert.>
33 von 100 Punkten. So tief steht der Fear & Greed Index des US-Senders CNN, knapp über der Zone „extreme Angst“. Der VIX, das bekanntere Angstbarometer der Wall Street, zeigt dagegen kaum Nervosität. Mit gut 18 Punkten liegt er sogar leicht unter seinem langjährigen Schnitt. Gefühlt ist die Angst also groß, bezahlt wird sie kaum. Denn der VIX misst, was Anleger für die Absicherung gegen Kursverluste zahlen. Berechnet wird er von Cboe Global Markets aus den Preisen der Optionen auf den S&P 500. Diese Optionen darf nur die Börse aus Chicago anbieten. Daran verdient sie gleich dreimal. Zuerst am Handel mit den Optionen. Dann an den Daten, die dabei entstehen. Und schließlich an VIX-Futures und VIX-Optionen, mit denen Anleger auf das Barometer selbst wetten. Der Rohstoff ist dabei immer derselbe.
Am kommenden Freitag (30.10.) legt Cboe die Zahlen zum dritten Quartal vor. Analysten erwarten einen gegenüber dem Vorjahr um 16% höheren Nettoumsatz von rund 705 Mio. US-Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie soll um 28% auf 3,41 Dollar steigen. Überraschungen sind kaum zu erwarten, die Börse meldet ihre Handelsvolumen monatlich. Die margenstarken Index-Optionen lagen von Juli bis September rund 24% über dem Vorjahr, der Devisenhandel gut 20%. Die Multi-Listed-Optionen, also Optionen auf Einzelaktien und ETFs, die an mehreren Börsen gehandelt werden, legten um knapp 10% zu. Aktienhandel (-12%) und Futures (-7%) schwächelten, tragen aber wenig zum Ergebnis bei. Gegenüber dem turbulenten zweiten Quartal gab das Optionsvolumen leicht nach. Der Umsatz dürfte daher etwas unter dem Vorquartal liegen. Für das Gesamtjahr rechnen die Analysten mit 2,87 Mrd. Dollar Umsatz (+18%) und 13,68 Dollar Gewinn je Aktie (+28%). Ihre Gewinnschätzung haben sie seit dem Frühjahr um rund 12% angehoben.
Das Monopol auf S&P-Optionen Die 1973 als Chicago Board Options Exchange gegründete Cboe war die erste Börse für standardisierte Aktienoptionen. Heute betreibt der Konzern auch Aktienhandelsplätze in den USA und Europa sowie ein florierendes Futures-, Devisen- und Datengeschäft. Das Herz schlägt aber nach wie vor im Optionshandel: Im zweiten Quartal stammten 474 Mio. der 732 Mio. Dollar Nettoumsatz aus diesem Segment, fast zwei Drittel. 2023 waren es nur rund 45%. Bei US-Optionen insgesamt kommt Cboe auf rund 30% Marktanteil, bei Optionen auf den SPX sogar auf 100%. Möglich macht das eine exklusive Lizenz von S&P Dow Jones Indices, die Ende September um 25 Jahre bis 2051 verlängert wurde. Was dieses Monopol wert ist, zeigt eine Zahl: Weltweit orientieren sich Anlagen von mehr als 20 Bio. Dollar am S&P 500. Wer solche Portfolios absichern will, kommt an den SPX-Optionen kaum vorbei.
Ein Konkurrent, der die Preise drücken könnte, fehlt damit. Gleichzeitig wächst die Nachfrage rasant. Treiber sind die „0DTE“-Kontrakte, also Optionen, die am selben Tag verfallen. Anfang 2022 wurden davon 390.000 pro Tag gehandelt, im dritten Quartal 2026 waren es 3,2 Mio. Die länger laufenden SPX-Optionen pendeln dagegen seit Jahren zwischen 1,4 und 2,0 Mio. Kontrakten. Rund 90% des Wachstums kommen also von den Tagesoptionen.
Auch das Datengeschäft hängt am Optionshandel. Die Sparte Data Vantage brachte zuletzt 178 Mio. Dollar im Quartal ein (+15%). Zwei Drittel des Wachstums stammten aus Zugangsgebühren, die mit dem Volumen steigen.
Von 2021 bis 2025 stieg der Nettoumsatz von 1,48 Mrd. auf 2,43 Mrd. Dollar, um gut 13% pro Jahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie wuchs von 6,05 auf 10,67 Dollar, um 15% jährlich. 2026 zieht das Tempo bislang noch einmal an: Im ersten Halbjahr kletterte der Nettoumsatz um 27%. Das Management hob seine Prognose für das organische Wachstum zweimal an. Im Februar stand noch ein mittleres einstelliges Plus im Plan, inzwischen ein Wachstum im mittleren bis hohen Zehnerprozentbereich.
Noch eindrucksvoller ist die Profitabilität. Von 2021 bis 2024 pendelte die bereinigte operative Marge zwischen 61% und 64%, im Vorjahr kletterte sie auf 66%. Im ersten Halbjahr 2026 lag sie jetzt schon bei 71,4%. Darin zeigt sich der Hebel eines Börsenbetreibers. Die Handelssysteme kosten fast gleich viel, ob dort 3 oder 5 Mio. Kontrakte am Tag laufen. Jeder zusätzliche Kontrakt landet deshalb zu einem großen Teil im Ergebnis. Aus Kostenprognose und Umsatzerwartung errechnet sich für 2026 eine Marge um 70%. Je größer die Angst, desto mehr wird gehandelt.
Vorstandschef Craig Donohue hat den Konzern binnen eines Jahres umgebaut. Cboe gab den Aktienhandel in Japan, das Listing-Geschäft in den USA und Europa sowie den europäischen Derivatehandel auf. Die australische Börse ging an TMX, die kanadische soll folgen. Ausgebaut wird dagegen das Optionsgeschäft. Seit dem 19. Oktober lassen sich ausgewählte Einzelaktien-Optionen vorbörslich handeln. Mitte Oktober genehmigte die SEC zudem KPI-Kontrakte, mit denen Anleger etwa auf den iPhone-Umsatz von Apple wetten. Erster Vertriebspartner ist Robinhood. Die Kehrseite: Cboe hängt noch stärker am Handel. Ein Quartal mit ruhigen Märkten schlägt künftig deutlicher durch.
Mehr Wachstum fürs Geld Im Branchenvergleich sticht Cboe heraus. In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Gewinn je Aktie um gut 16% pro Jahr. Kein anderer großer Börsenbetreiber wies höhere Gewinnzuwächse auf. Bis 2028 trauen die Analysten Cboe 14% jährlich zu. Deutsche Börse folgt mit knapp 12%, CME und ICE kommen auf 7% und 6%. Ein großer Teil des Zuwachses fällt allerdings schon 2026 an.
Billig ist die Aktie nach fast 50% Plus seit dem 52-Wochen-Tief im Juni allerdings nicht mehr. Mit einem KGV von knapp 23 liegt sie leicht über dem eigenen Zehn-Jahres-Schnitt und dem Branchenmittel. CME und Deutsche Börse sind ähnlich hoch bewertet. Setzt man die Bewertung ins Verhältnis zum Wachstum, kehrt sich das Bild um. Mit einem PEG von 1,6 ist Cboe der günstigste Wert der Gruppe. Bei Nasdaq und Euronext liegt das PEG über 2, bei CME und ICE über 3. Die Relative Stärke nach Levy von 1,16 zeigt ein starkes Momentum. Bis zum Allzeithoch vom Mai bei 371,18 Dollar fehlen noch fast 10%.
Dazu kommt eine solide Bilanz. Nach der Übernahme von Bats 2017 lag die Nettoverschuldung noch beim 1,7-Fachen des EBITDA. Im Laufe des Jahres 2025 drehte sie erstmals in eine Nettoliquidität, Ende Juni 2026 waren es rund 0,9 Mrd. Dollar. Für 2027 und 2028 erwarten die Analysten zusammen fast 3 Mrd. Dollar freien Cashflow. Nach Abzug der Dividende bleiben gut 2 Mrd. Dollar für Rückkäufe, Zukäufe oder weitere Liquidität. Nur CME ist ähnlich solide aufgestellt. Nasdaq und ICE sind mit dem 2,7- und 2,9-Fachen des EBITDA verschuldet.
Die Eigenkapitalrendite dürfte 2026 knapp 27% erreichen, die Konkurrenz kommt auf 14 bis 18%. Der freie Cashflow übersteigt seit Jahren den Gewinn. Bei der Dividende hält sich Cboe mit 25% Ausschüttungsquote und rund 1% Rendite zurück. Zudem hat sich Cboe Spielraum für Aktienrückkäufe von gut 1 Mrd. Dollar genehmigen lassen. Bisher hat der Konzern davon allerdings nur zurückhaltend Gebrauch gemacht. Immerhin: Die Dividende soll 2026 um rund 12% auf 3,02 Dollar steigen.
Die Aktie (335,25 Dollar; US12503M1080) notiert an der hauseigenen Cboe BZX Exchange. Sie bietet Wachstum, Monopolrendite und eine Bilanz mit Nettoliquidität zu einem fairen Preis. Wie nervös die Märkte auch werden, Cboe verdient mit. Die Aktie ist ein Kauf, unser Stopp liegt bei 227,15 Dollar.