Mehr als ein Muskelmacher - Alzchem reitet auf der Kreatin-Welle
- von Patricia Weiss und Alexander Hübner
Trostberg, 30. Sep (Reuters) - Lange war Kreatin vor allem bei Bodybuildern und Leistungssportlern in aller Munde. Inzwischen preisen Influencer das weiße Pulver, das den Muskelaufbau beschleunigen kann, auch für gesundes Altern, für Frauen in den Wechseljahren und zur Unterstützung der Gehirnleistung an. Der weltweit einzige Hersteller von Kreatin-Monohydrat außerhalb Asiens sitzt ausgerechnet in Trostberg, einer verschlafenen Kleinstadt 15 Autominuten nördlich des Chiemsees. Seit mehr als 100 Jahren produziert die aus der ehemaligen SKW Trostberg hervorgegangene AlzchemACT0n.DE hier Produkte aus Stickstoff-Kohlenstoff-Stickstoff-Verbindungen (NCN): vom Dünger über Nitroguanidin, das sowohl in Airbags als auch in Artilleriemunition eingesetzt wird, bis hin zu Kreatin. Die Alzchem-Marke "Creapure" gilt als "Goldstandard" der Branche und ist deshalb einer der wichtigsten Faktoren für den Erfolg des Unternehmens, mit dem es sich von der Krise der Chemieindustrie absetzt.
Alzchem hat sich über Jahrzehnte den Ruf erarbeitet, Kreatin in höchster Reinheit herzustellen. "Unser Qualitätsversprechen ist eine Reinheit von 99,99 Prozent", sagt Vorstandschef Andreas Niedermaier im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Reuters. "Das tragen wir wie eine Monstranz vor uns her. Das gelingt nur, wenn man die gesamte Rohstoffkette beherrscht." Und es taugt als schlagendes Verkaufsargument: Die Verbraucherzentrale warnt, bei Präparaten unbekannter Anbieter aus dem Ausland könne das Pulver mit Schwermetallen belastet oder gestreckt sein. Doch der Boom wirft die Frage auf, wie lange Alzchem den Vorsprung verteidigen kann. "Der Wettbewerb schläft sicherlich nicht, aber der Abstand ist nach wie vor da", sagt Niedermaier. "Eine vollwertige Ernährung wird in Zukunft Kreatin in irgendeiner Form beinhalten."
Nach Prognosen des Marktforschungsunternehmens Grand View Research soll der Markt für Kreatin-Nahrungsergänzungsmittel von 1,7 Milliarden Dollar im Jahr 2026 auf 8,7 Milliarden Dollar im Jahr 2033 wachsen. Das entspräche einem jährlichen Wachstum von gut 26 Prozent - für Nahrungsergänzungsmittel insgesamt prognostizieren die Marktforscher nur ein Plus von 9,5 Prozent. Die Wirkung von Kreatin auf Sportler ist wissenschaftlich gut belegtSportmediziner Tim Meyer, früherer Mannschaftsarzt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, sagt: "Ich bin eigentlich, was Supplemente angeht, eher ein Skeptiker. Aber bei allen Supplementen ist dies das mit dem besten Wirksamkeitsnachweis."
Doch der Boom ist erst durch neue Zielgruppen jenseits des Leistungssports entstanden. Sportwissenschaftler Jürgen Gießing von der Universität Kaiserslautern-Landau sieht Potenzial für ältere Menschen. "Wir können diesen Muskelschwund fast komplett stoppen oder sogar umkehren", sagt er - aber nur in Verbindung mit körperlichem Training. Ernährungswissenschaftlerin Anja Carlsohn von der HAW Hamburg stimmt dem zu: "Wenn ich über 55 bin, auf der Couch sitze und Kreatin nehme, passiert gar nichts mit meiner Muskulatur." Hinzu kommt die wachsende Zahl von Vegetariern und Veganern. Der Körper kann Kreatin zwar selbst bilden, nimmt es mit der Nahrung aber fast ausschließlich über Fleisch und Fisch auf.
Doch viele der in sozialen Medien über Kreatin verbreiteten Verheißungen sehen Wissenschaftler kritisch. Ernährungsmediziner Thomas Skurk von der TU München hält den Boom für einen "klaren Hype". Ergebnisse von Studien würden unzulässig verallgemeinert. "Für bestimmte sportliche Anwendungen ist die Datenlage gut, für die derzeit sehr weit gefassten Gesundheitsversprechen ist sie deutlich schwächer." Die Europäische Union hat bisher nur zwei gesundheitsbezogene Aussagen zugelassen, die an körperliches Training und eine tägliche Dosis von drei Gramm Kreatin gebunden sind.
KREATIN-BOOM LOCKT NEUE ANBIETER
Alzchem lebe von seinem Prozess-Know-how, sagt Analyst Peter Thilo Haßler von Sphene Capital. "Die Chemie an sich ist nicht hochkomplex, aber Alzchem beherrscht die sogenannte NCN-Kette seit 100 Jahren. Dieses Know-how, um dauerhaft und verlässlich höchste Reinheit zu garantieren, lässt sich nicht einfach kopieren." Niedermaier erklärt, das Reinheitsprofil liege auch am Rohstoff Natriumsarkosinat. "Wir produzieren diesen selbst katalytisch und nicht auf Basis von sehr gefährlichen Rohstoffen wie Blausäure, wie unsere Wettbewerber."
Für Sportmediziner Meyer sind minimale Reinheitsunterschiede für Hobbysportler ohnehin irrelevant. "Dieses Argument einer Überlegenheit von 99,9 Prozent gegenüber 99,2 Prozent Reinheit ist meines Erachtens irreführend." Hier setzen neue Wettbewerber an. Unternehmen wie Qura aus den Niederlanden und die britische Jenerise importieren chinesisches Kreatin, lassen es in Europa unabhängig prüfen und werben mit Reinheitsgraden von über 99,95 Prozent. "Was die Qualität tatsächlich bestimmen sollte, ist das, was unabhängig verifiziert wird, und nicht die Flagge auf der Verpackung", teilt Qura mit. Die Verbraucherzentrale rät, auf unabhängige Laboranalysen oder das Anti-Doping-Siegel der "Kölner Liste" zu achten.
Niedermaier warnt aber vor trügerischer Sicherheit durch externe Labore: "Man muss die richtigen Verfahren anwenden. Dazu gehört oftmals das Know-how, wonach man überhaupt suchen muss. Sonst kommt man relativ schnell auf eine vermeintlich hohe Reinheit, nimmt aber trotzdem unerwünschte Nebenprodukte zu sich." Berenberg-Analyst Gerhard Orgonas geht davon aus, dass sich der Qualitätsabstand zwischen europäischen und asiatischen Herstellern in den vergangenen Jahren verringert hat: "Wenn die Stiftung Warentest sich das anschauen würde, würden die wahrscheinlich sagen, es gibt keinen erheblichen Unterschied. Aber die Leute kaufen es wie Persil im Supermarkt."
Alzchem baut seine Kreatin-Produktion derweil aus. Eine neue Anlage soll im zweiten Halbjahr 2027 in Betrieb gehen und zusätzliches Umsatzpotenzial im dreistelligen Millionenbereich pro Jahr schaffen. Wegen des "sehr dynamischen" Wachstums prüfe das Unternehmen bereits die nächsten Ausbaustufen. Bis dahin gibt sich Alzchem wählerisch, wer sein Kreatin bekommt: "Wir treffen eine klare Qualitätsauswahl bei den Kunden und beliefern nicht mehr jeden", sagt der Konzernchef. "Das Prinzip ist wie bei 'Intel Inside'. Nur wer auch Creapure bezieht, darf Creapure draufschreiben."
Qura wirft Alzchem vor, die Knappheit für Preiserhöhungen zu nutzen. Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln, die keine verlässlichen Zuteilungen erhielten, suchten deshalb nach einer weiteren, unabhängig geprüften Bezugsquelle, sagt Qura-Gründer Michael Hekking. Analyst Haßler sieht dennoch keine Gefahr für Alzchem: "Selbst wenn chinesische Hersteller einen Reinheitsgrad von 99,99 Prozent erreichen, dauert es Jahre, das Vertrauen in eine neue Marke aufzubauen."
HOHE HÜRDEN FÜR NEUE KONKURRENTEN
Dass sich Alzchem mit Kreatin - und dem boomenden Munitionsgeschäft als zweitem Standbein - erfolgreich gegen die tiefe Krise der deutschen Chemieindustrie stemmt, ist kein Zufall. Die starke Marktstellung beruht auf einer hohen Eintrittsbarriere: dem Vorprodukt Calciumcarbid, dessen Herstellung extrem energieintensiv ist. Deshalb sind nach Einschätzung von Orgonas 95 Prozent der weltweiten Produktion nach Asien abgewandert. In Europa gibt es nur noch eine Handvoll Calciumcarbid-Anlagen, drei davon betreibt Alzchem. "Es ist die Denkweise in Europa, dass man Basischemie nicht mehr machen soll", sagt Niedermaier. "Wir sehen Portfoliomanagement komplett anders als die restliche Chemieindustrie - und das ist ein Teil unseres Erfolgsfaktors." Man betreibe Basischemie, um die Versorgungssicherheit für Spezialitäten zu gewährleisten und nicht von Importen abhängig zu sein.
Der Umsatzanteil der Basischemie sinkt aber zugunsten der Spezialitäten immer weiter, von 42 Prozent 2022 auf zuletzt 25 Prozent. Das treibt die Marge: In der Basischemie liegt sie bei unter vier, in der Spezialchemie bei gut 28 Prozent. Für 2026 rechnet der Konzern mit einem Umsatzanstieg um sieben Prozent auf rund 600 Millionen Euro. An der Börse wird das honoriert: Der Aktienkurs von Alzchem hat sich binnen zweier Jahre mehr als verdreifacht, der Börsenwert kletterte auf 1,64 Milliarden Euro. Der europäische Branchenindex.SX4P verlor dagegen allein 2025 acht Prozent.
Für einen Neueinsteiger wäre der Aufbau einer Produktion in Deutschland kaum wirtschaftlich. "Kein Mensch würde heutzutage eine Calciumcarbid-Anlage außerhalb Chinas bauen", sagt Orgonas. "Man braucht Zeit, Geld, Know-how und Entwicklungskapazitäten", ergänzt Niedermaier. "Man kann nicht einfach einen Karbidofen hinstellen, der nur 5000 oder 10.000 Tonnen produziert. Das ist ein großtechnischer Prozess." Alzchem nutzt das für einen komplexen Produktionsverbund, der Calciumcarbid in eine Vielzahl von Produkten veredelt. Niedermaier zeigt den Analysten gerne einen weit verzweigten Baum, dessen Äste die Produkte von Alzchem darstellen. "Wenn ein Wettbewerber das kopieren will, müsste er im Grunde den ganzen Baum kopieren", erklärt Analyst Patrick Speck von Montega. Für Kreatin allein würde sich der Aufwand nicht lohnen.
Für Alzchem-Chef Niedermaier ist der radikale Kontrast zu den Branchenriesen auch das Erfolgsgeheimnis der Bayern. "Unsere Lebensberechtigung in der Chemie ist die Geschwindigkeit", sagt er im Interview. Das Unternehmen, das 2009 von Finanzinvestoren übernommen und 2017 an die Börse gebracht wurde, müsse Trends früh erkennen und "vor der Welle" schwimmen, weil ihm die tiefen Taschen fehlten. "Wir haben nicht die finanziellen Mittel wie eine BASF oder eine Bayer. Die können für Investitionen mal eben eine Milliarde in die Hand nehmen und diese auch abschreiben. Das können wir nicht."