Dilemma für Umweltschützer: KI als Helfer und Klimasünder
- von Valerie Volcovici
Washington, 07. Nov (Reuters) - Umweltorganisationen setzen weltweit immer mehr auf Künstliche Intelligenz (KI), um Klimadaten zu analysieren, Waldbrände zu verfolgen und bedrohte Tierarten zu zählen. Doch die Technologie bringt die Umweltschützer in einen Zwiespalt und setzt sie unter Rechtfertigungsdruck, denn sie sorgt für einen rasanten Anstieg des Strom- und Wasserverbrauchs sowie der CO2-Emissionen. Die Nachrichtenagentur Reuters hat 15 große Umwelt-, Naturschutz- und Entwicklungsorganisationen zu ihrem KI-Einsatz befragt. Alle Gruppen gaben an, die Technologie in irgendeiner Form zu nutzen. Zugleich äußerten sie sich besorgt über die Umweltauswirkungen der dafür benötigten Rechenzentren.
Der Zwiespalt zwischen den Vorteilen der KI und ihren enormen Risiken dürfte auch auf der am Montag beginnenden UN-Klimakonferenz COP31 im Mittelpunkt stehen. Die Türkei will als Gastgeber Regierungen und Unternehmen dazu aufrufen, sich auf Prinzipien für eine nachhaltige Entwicklung und Nutzung von KI zu verpflichten. Viele Umweltorganisationen sind nach den Reuters-Recherchen der Ansicht, dass die Vorteile der KI die Kosten derzeit überwiegen: Die Technologie ermögliche Arbeiten, die zuvor schwierig, teuer oder unmöglich gewesen seien.
So nutzt etwa die kenianische Gruppe "Save the Elephants" maschinelles Lernen, um Populationserhebungen zu verbessern und die Kommunikation von Elefanten zu untersuchen. Eine Luftbilduntersuchung des größten kenianischen Schutzgebiets 2025 habe rund 200.000 Bilder geliefert, für deren manuelle Auswertung neun Personen neun Monate benötigt hätten, sagt der Chef der Gruppe, Frank Pope. KI-Modelle könnten ähnliche Analysen nun in wenigen Stunden liefern.
GREENPEACE: IST KI ÜBERHAUPT NOTWENDIG?
Forscher am Jane-Goodall-Institut nutzen KI, um Protokolle aus jahrzehntelanger Feldforschung zum Verhalten von Schimpansen im tansanischen Gombe-Nationalpark zu digitalisieren. Die in der lokalen Sprache Kiha und in wissenschaftlicher Kurzschrift verfassten Notizen könnten dank eines KI-Werkzeugs in wenigen Minuten gescannt, übersetzt und strukturiert werden. Die für das Projekt veranschlagte Zeit sinke damit von 13 bis 15 Jahren auf etwa zwei Jahre, sagt Lilian Pintea, Vizepräsidentin für Naturschutzwissenschaften an dem Institut.
Greenpeace International nutzt zwar ebenfalls einige KI-Werkzeuge, vor allem weil die verwendeten Softwareplattformen entsprechende Funktionen enthalten. Während andere Organisationen fragten, wie man KI verantwortungsvoll einsetze, frage Greenpeace, ob es überhaupt notwendig sei, all diese riesigen Rechenzentren zu bauen, sagt die Klima- und Energieexpertin der Organisation, Katrin Xueying Wu.
Forscher des Instituts für Wasser, Umwelt und Gesundheit der Universität der Vereinten Nationen schätzen, dass sich der weltweite Flächenbedarf von Rechenzentren bis 2030 mehr als verdoppeln könnte. Rechnerisch würden sich die Zentren damit auf einer Fläche ausbreiten, die zwei Mal so groß wäre wie die der der indonesischen Millionenmetropole Jakarta. Die Internationale Energieagentur (IEA) schätzt, dass Rechenzentren weltweit bis 2030 jährlich etwa 945 Terawattstunden (TWh) Strom verbrauchen werden. Dies entspricht in etwa dem jährlichen Stromverbrauch Japans und würde den Ausstoß von mehr als 300 Millionen Tonnen Kohlendioxid verursachen. Der Wasserverbrauch der Rechenzentren wird der IEA zufolge von etwa 560 Milliarden Litern im Jahr 2023 auf jährlich rund 1,2 Billionen Liter im Jahr 2030 steigen.
Tech-Konzerne wie MicrosoftMSFT.O, AmazonAMZN.O und die Google-Mutter AlphabetGOOGL.O haben steigende Emissionen gemeldet, die teilweise auf den Ausbau von Rechenzentren zurückzuführen sind. Amazon erklärte, die eigenen KI-Produkte gehörten zu den nachhaltigsten, da das Unternehmen kohlenstoffarme Energie einkaufe und Strom sowie Wasser für die Kühlung effizient nutze. Microsoft und Google äußerten sich zunächst nicht.