Der PLATOW Brief - Signalgeber – Warum die Allianz jetzt auf Robotaxis setzt

Von Platow Brief

Die Allianz und Waymo wollen Robotaxis in Deutschland etablieren. Dafür gibt es gute Gründe und bereits einen Zeitplan. Welche Hürden noch auszuräumen sind.>

Bringt die Allianz die deutsche Mobilität ins 21. Jahrhundert? Der Münchener Versicherer hat mit der kalifornischen Alphabet-Tochter Waymo eine potenziell zukunftsprägende Kooperation geschlossen. Das auf vollautonome Fahrzeuge spezialisierte Unternehmen will ab Ende 2027 in Deutschland Robotaxis ohne Fahrer anbieten. Baut eines davon einen Unfall, kommt die Allianz für die Schäden der Unfallopfer auf und kümmert sich um die Abwicklung, genau wie bei einem menschengesteuerten Fahrzeug.

Gleichzeitig wollen beide herausfinden, ob Roboterautos sicherer fahren als Menschen und was das für die Kfz-Versicherung bedeutet. Damit kehrt ein Thema zurück, das nach dem Aus des Ford– und VW-Start-ups Argo AI 2022 an Schwung verlor.

Eingegangen wurde die Kooperation von Allianz Partners, die auf Versicherungs- und Hilfsleistungen spezialisierte Konzerntochter. Die Allianz versichert keinen Feldversuch, sondern bereitet den kommerziellen Start des amerikanischen Marktführers in Deutschland vor. In den USA absolviert Waymo mit mehr als 3.000 Fahrzeugen rund 500.000 bezahlte Fahrten pro Woche.

Marktführer setzt ein Zeichen Die Allianz hält den Zeitpunkt für richtig, weil mehrere Dinge zusammenkommen: Waymo fährt in den USA längst mit zahlenden Kunden und hat dabei Sicherheitsdaten aus mehr als 250 Millionen Kilometern gesammelt. So ist aus dem Forschungsthema autonomes Fahren ein echtes Geschäft geworden, das Versicherungsschutz braucht. Zudem ist in Deutschland seit 2021 geregelt, unter welchen Bedingungen autonome Fahrzeuge fahren dürfen. Bei Schäden springt der Kfz-Haftpflichtversicherer ein. Betroffene würden „über den etablierten Kfz-Schadenprozess entschädigt werden, ohne Verschulden oder einen Softwarefehler nachweisen zu müssen“, erklärt uns Michael Maicher, Global Partner & Director, Global Strategic Partnerships bei Allianz Partners.

Trotz der ausreichenden rechtlichen Voraussetzungen hierzulande sammelten Versicherer zunächst Erfahrungen in den USA. Munich Re war schon 2018 dabei, als Waymo in Phoenix seinen ersten Fahrdienst startete, allerdings nur mit einer Versicherung für die Fahrgäste. Swiss Re hat 2024 gemeinsam mit Waymo die Schadendaten aus gut 25 Millionen autonom gefahrenen Meilen ausgewertet. Ergebnis: 88% weniger Sachschäden und 92% weniger Personenschäden als bei menschlichen Fahrern.

In Deutschland blieb das Thema bisher eine Sache für Feldversuche. Die HUK-Coburg ist etwa Versicherer beim Projekt Kira, das Deutsche Bahn und Rhein-Main-Verkehrsverbund gemeinsam betreiben. Die Allianz hebt das Thema mit Waymo nun auf eine andere Ebene.

Der lange Weg zum Start Doch bis Robotaxis wie in San Francisco oder im chinesischen Wuhan durch deutsche Straßen fahren, ist noch einiges zu klären. Die nötigen Genehmigungen liegen nach Angaben von Waymo noch nicht vollständig vor. Bevor Fahrgäste einsteigen dürfen, müssen die Kalifornier ein festgelegtes Betriebsgebiet vorweisen. Dazu kommen eine technische Aufsicht mit der Möglichkeit, aus der Ferne einzugreifen, sowie der Nachweis von Sicherheits- und Versicherungsauflagen. Zuständig sind das Kraftfahrt-Bundesamt sowie die Verkehrsbehörden von Ländern und Kommunen.

Unterdessen hat Waymo Ende August erste Kartierungs- und Testfahrten angekündigt. Zunächst sitzt geschultes Personal am Steuer. Den kommerziellen Start des Robotaxi-Angebots peilt Waymo für Ende 2027 an. In London soll der Start noch in diesem Jahr erfolgen.

Weniger Schäden, aber teure Sensorik Waymos US-Daten zeigen deutlich weniger Unfälle als bei menschlichen Fahrern. Dafür können Reparaturen wegen der Sensorik teurer ausfallen. Für Europa fehlen noch eigene Daten. Deshalb forscht das Allianz Zentrum für Technik gemeinsam mit Waymo zu Unfällen und Schadentrends. Eine Blaupause für Privatkunden in der schadengeplagten Kfz-Sparte soll die Versicherungslösung ausdrücklich nicht sein. Wohl aber ein Einstieg ins Geschäft mit autonomen Flotten.

Mit der Allianz kommt wieder Bewegung in das Thema autonomes Fahren. Ob sie und Waymo die deutsche Mobilität ins 21. Jahrhundert bringen, entscheidet sich frühestens Ende 2027 auf Münchens Straßen.