Dax-Konzern Qiagen vor Verkauf an Finanzinvestor EQT
- von Alexander Hübner und Patricia Weiss
Frankfurt, 22. Okt (Reuters) - Zum ersten Mal überhaupt steht ein Dax.GDAXI-Konzern vor dem Verkauf an einen Finanzinvestor. Die schwedische Beteiligungsfirma EQTEQTAB.ST bietet 10,8 Milliarden Euro für den deutsch-niederländischen Diagnostik-Spezialisten QiagenQIA.DE. Vorstand und Aufsichtsrat erklärten in der Nacht zum Donnerstag, dass sich das Unternehmen mit Sitz in Venlo unter einem Finanzinvestor in der nächsten Wachstumsphase besser entwickeln könne als an der Börse. "Eine private Eigentümerstruktur gibt dem Management mehr Flexibilität, sich auf langfristige Wertschöpfung zu konzentrieren und seine strategischen Initiativen umzusetzen", sagte EQT-Partner Matteo Thun-Hohenstein der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Übernahme kommt nur zustande, wenn sich EQT mehr als 50 Prozent der Qiagen-Aktien sichern kann. Danach - voraussichtlich Mitte 2027 - soll das Unternehmen von der Börse genommen werden. "Als privates Unternehmen können wir schneller handeln", sagte der neue Qiagen-Chef Jonathan Pratt. "Wir werden uns ansehen, wo wie Qiagen am besten unterstützen können. Wir sind da für alle Wege offen", ergänzte EQT-Partner Thun-Hohenstein. EQT baut dabei auf seine Erfahrung in der Gesundheitsbranche, auf der in den vergangenen zehn Jahren der Schwerpunkt der Investments des Finanzinvestors lag.
Qiagen wurde 1984 in Düsseldorf gegründet und ist seit 1997 an der Frankfurter Börse notiert. Das auf Tests zum Nachweis von Krankheiten und auf Laborgeräte spezialisierte Unternehmen beschäftigt 5500 Mitarbeiter an über 35 Standorten weltweit. "Wir beobachten seit vielen Jahren den Erfolg von Qiagen. Das Unternehmen hat einen hervorragenden Ruf", sagte Thun-Hohenstein. "Wir sind stolz, Teil dieser Geschichte zu werden."
Dax-Unternehmen galten als Übernahmeziel für Private Equity lange Zeit als zu groß, weil die Beteiligungsfirmen das Geld ihrer Anleger lieber breiter streuen. Zuletzt hatten sie in Deutschland vor allem kleinere Unternehmen ins Visier genommen, die sie an der Börse für unterbewertet hielten. Doch angesichts größerer Fonds und mit Hilfe von Co-Investoren für einzelne Investments ist die finanzielle Schlagkraft der größten Finanzinvestoren gewachsen. EQT hat sich für die Übernahme zwei finanzkräftige Geldgeber an Bord geholt, die jeweils Minderheitsanteile übernehmen wollen: den Staatsfonds von Abu Dhabi, ADIA, und die kanadische Pensionskasse CPP Investments.
QIAGEN-AKTIE LEGT UM 5,5 PROZENT ZU
EQT stach mit der Offerte Insidern zufolge unter anderem den US-Rivalen KKRKKR.N aus. Qiagen erklärte, man habe auch mit Interessenten aus der Branche gesprochen. Das Angebot über 46,50 Euro je Aktie liegt zwar nur knapp neun Prozent über dem Xetra-Schlusskurs vom Mittwoch. Die Qiagen-Aktie war aber schon seit Monaten von Hoffnungen auf eine Übernahme getrieben worden. Im Vergleich zum Kurs von Anfang Juli, als erstmals über Interesse von Finanzinvestoren berichtet wurde, bedeute die Offerte einen Aufschlag von 40 Prozent, rechneten Qiagen und EQT vor. An der Frankfurter Börse legten die Papiere am Donnerstag 5,5 Prozent auf 45,17 Euro zu.
In einer Investmentvereinbarung mit Qiagen hat der künftige Eigentümer nach eigenen Angaben langfristige Zusagen in Bezug auf die Strategie, die wichtigsten Marken, die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, die Mitarbeiter und die Finanzierungsstruktur gemacht. Qiagen werde auch weiterhin unter der eigenen Marke aktiv sein.
THERMO FISHER BOT VOR SECHS JAHREN MEHR
Um Qiagen ranken sich seit Jahren Übernahmespekulationen. Am konkretesten war ein Verkauf 2020 gewesen, als der US-Laborausrüster Thermo FisherTMO.N rund 11,3 Milliarden Euro bot. Doch die Übernahme scheiterte am Widerstand der Aktionäre, die die Offerte angesichts der damals boomenden Nachfrage nach Corona-Tests für zu niedrig hielten. Auch der Rivale BiomerieuxBIOX.PA aus Frankreich, der US-Diagnostikspezialist Quidel und der US-Wettbewerber Bio-RadBIO.N wurden schon als mögliche Interessenten gehandelt.
Das Geschäft von Qiagen läuft: Im dritten Quartal lagen die Zahlen über den eigenen Erwartungen. Der Umsatz kletterte um knapp drei Prozent auf 548 Millionen Dollar. Im August hatte das Management nur ein Plus von ein bis zwei Prozent in Aussicht gestellt. Auch der bereinigte Gewinn je Aktie übertraf mit 65 Cent die Prognose von mindestens 62 Cent.