Autoverband VDA: EU soll Handelsschutzinstrumente gegen China prüfen
Frankfurt/Berlin, 24. Sep (Reuters) - Die deutsche Autoindustrie lehnt angesichts der wachsenden Konkurrenz chinesischer Hersteller in Europa Importzölle nicht mehr generell ab. Priorität müsse weiter die Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit und ein Dialog mit China als Handelspartner haben, erklärte die Chefin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, am Donnerstag. "Sollte es dennoch zu Marktverzerrungen durch WTO-widriges Verhalten kommen, besitzt die Europäische Union WTO-konforme Instrumente, die auf ein Level-Playing-Field abzielen", ergänzte sie. Bei nachgewiesenem unlauteren Verhalten sei der Einsatz von Handelsschutzinstrumenten zu prüfen.
Das Wort Zölle vermied Müller, ging aber auf die zuletzt zunehmenden Forderungen nach EU-Zöllen auch auf Importe von Plug-in-Hybrid-Autos (PHEV) ein. Es müsse unterschieden werden, ob die Wettbewerbsvorteile der Konkurrenz fair seien aufgrund von besseren Standortfaktoren, oder "ob es sich um staatlich induzierte, selektive Vorteile handelt, die zu Wettbewerbsverzerrungen führen." Damit öffnet sich die Lobby der deutschen Autobauer und Zulieferer für Zölle, die sie in der EU-Zolldiskussion vor zwei Jahren noch abgelehnt hatte. Zuerst berichtete das "Handelsblatt" über die neue Position des VDA.
Die EU führte schließlich Importzölle auf Elektroautos aus China ein. Doch die chinesischen Hersteller wichen teilweise auf PHEV aus und steigerten ihre Absätze in der EU trotzdem. Im August konnten die Hersteller BYD, Chery, Geely, Leapmotor und SAIC (MG) zusammen ihren Marktanteil gegenüber dem Vorjahresmonat um gut vier Prozentpunkte auf 10,8 Prozent ausbauen, wie aus der Statistik des europäischen Herstellerverbandes ACEA hervorging. Von Januar bis August verkauften sie gut 725.000 Elektro- und Hybridautos (Marktanteil 9,6 Prozent) - zwei Drittel mehr als im gleichen Zeitraum 2025. Die Verkäufe der deutschen Autobauer legten nur um 2,6 Prozent auf 3,1 Millionen Fahrzeuge zu - ihr Marktanteil schrumpfte um einen Prozentpunkt auf 41 Prozent.
MEHR E-AUTOS AUS CHINA
Die chinesischen Autobauer drängen mit Macht auf den europäischen Markt, weil der eigene Markt schwächelt und es eine enorme Überproduktion gibt. Der US-Markt ist ihnen aufgrund der Handelspolitik versperrt. Seit sich die Krise der deutschen Autoindustrie, vor allem bei Volkswagen, verschärfte, mehrten sich zuletzt die Forderungen, nicht nur E-Autos, sondern auch PHEV mit Zöllen zu belegen. So sprach sich VW-Chef Oliver Blume für ein Eingreifen der für Zölle zuständigen EU aus. Vor allem SPD-Politiker und Betriebsräte setzen sich dafür ein. So ist Finanzminister Lars Klingbeil dafür, während Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) als Gegnerin neuer Zölle gilt.
Wie in der Vergangenheit warnte der VDA vor Gegenmaßnahmen Chinas. "Abschottung und protektionistische Maßnahmen bergen immer die Gefahr, handelspolitische Konflikte zu verschärfen und eine global aufgestellte Branche wie die Automobilindustrie erheblich zu belasten", erklärte Müller. Die EU-Kommission müsse in Sachen Handelsschutz die betroffenen Branchen eng einbeziehen und die Folgen möglicher Maßnahmen abschätzen. "Dabei gilt es auch, Auswirkungen auf den europäischen Markt sowie das Risiko möglicher Gegenmaßnahmen angemessen zu berücksichtigen."
Auch in anderen Branchen ist der Importdruck aus China hoch. Der Handelsüberschuss Chinas mit der EU stieg im vergangenen Jahr um 15 Prozent auf 360 Milliarden Euro. Die EU-Mitgliedstaaten haben die EU-Kommission mit einer Untersuchung des Ungleichgewichts beauftragt. Kommissionschefin Ursula von der Leyen erklärte kürzlich, das Missverhältnis habe einen kritischen Punkt erreicht und sprach von einem "China-Schock". Die EU werde alle verfügbaren Instrumente nutzen, um im Handel mit China wieder ins Gleichgewicht zu kommen.