PLATOW Börse - Wie lange trägt die Rally noch?
Wer sich an die frühen Jahre des Internets und den Kurssturz zur Jahrtausendwende erinnert, weiß: Bevor an der Börse eine Blase platzt, klingelt niemand. Aber oft gibt es Anzeichen – auch jetzt.>
Meist stellt man fest, dass es vor dem Crash Warnungen zu hören gab, wenn man hören wollte. Kein Analyst oder Investor möchte einen Kurssturz auslösen, aber alle wollen glaubwürdig bleiben. Daher gilt es, ihre Argumente aufmerksam zu verfolgen und sehr fein abzuwägen.
Wer die sogenannte Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende erlebt hat, weiß auch, dass ein Kurseinbruch nicht zwangsläufig dadurch ausgelöst wird, dass sich eine Technologie als nutzlos oder massiv überschätzt erweist. Es reicht, dass der Nutzen weitaus später kommt als erhofft. Google etwa startete 1998 kurz vor dem Platzen der Internet-Blase und ging wenige Jahre danach 2004 an die Börse – und wurde zum Billionen-Konzern Alphabet. Aber wer vom Crash erwischt wurde, hatte davon wenig Trost. Ein Vergleich der damaligen mit der heutigen Situation ist in dem Zusammenhang aufschlussreich.
Begleitet wurde der Aufbau des Internets vom Ausbau der Telekommunikationsnetze mit hoher Datenkapazität, basierend auf Glasfaser-Technik. Laut einer Studie von Stijn Van Nieuewerburgh von der Columbia Business School hat dieser Ausbau 1996 bis 2003 in den USA pro Jahr Ausgaben in Höhe von rund 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erfordert. Und genau in dem Punkt wird es spannend: Die entsprechende Schätzung für den Bau von Rechenzentren für Künstliche Intelligenz (KI) von 2025 bis 2032 lautet auf gut 3,6 Prozent. Die Studie beziffert auch noch Werte für andere historische Perioden wie etwa den Ausbau von Kanälen, die Elektrifizierung und den Bau der Highways in Amerika. Alle liegen weit unter dem Wert für KI, am nächsten kommt der Eisenbahnbau 1870 bis 1890 mit je 2,4 Prozent des BIP. Allein der physische Ausbau des KI-Themas sprengt also alle Rekorde.
In der Studie heißt es: „Das bedeutet nicht, dass ein finanzieller Stress unmittelbar droht.“ Aber wichtig sei die Frage, wie Probleme in Teilbereichen durch die starke Vernetzung aller Akteure durchschlagende Wirkung erzeugen könnten. Genau diese Vernetzung ist das Thema einer Studie von Goldman Sachs.
Dort heißt es zunächst: „Weil die Aktienkurse mit den steigenden Gewinnen nicht Schritt halten, deutet sich auf kurze Sicht keine Blase an.“ Aber dann folgen Daten, die bedenklich stimmen. Fast die Hälfte des Anstiegs der Gewinne je Aktie im US-Index S&P 500 im laufenden Jahr kommt von KI-Investitionen, nicht etwa Anwendungen. Interessant sind die angestoßenen Kreisläufe: Der Boom erfasst neben Chip-Herstellern zum Beispiel auch Energieversorger und über steigende Aktienkurse indirekt auch Konsumwerte. So treibt das Thema KI die Börse – noch.
Der physische KI-Aufbau, der irgendwann durch Anwendungen nachfinanziert werden muss, geht weiter. Goldman erwartet einen Anstieg der KI-Investitionen der großen US-Tech-Konzerne nach 800 Milliarden im laufenden Jahr auf 1,2 Billionen Dollar 2027 und 1,4 Billionen 2028. Hinzu kommt: Allein für das zweite Quartal 2026 haben die Tech-Konzerne rund 150 Milliarden Dollar an unrealisierten Aktiengewinnen bekanntgegeben. Der Aktienboom nährt die (Buch-)Gewinne und die treiben wieder den Boom.
Goldman stellt daher zu Recht die Frage: „Ist der Schub von KI-Investitionen für den S&P 500 tragfähig?“ Eine deutliche Antwort gibt die Bank nicht. Wohl aber die Prognose, dass dieser Schub allmählich nachlässt. Jede deutlichere Warnung könnte ja auch als Klingel gedeutet werden.