PLATOW Börse - Staaten und KI-Konzerne ringen um Kapital - jetzt zählt die Festung in der Bilanz

Von Platow Brief

Die Zeit des billigen Geldes ist vorbei, frisches Kapital wird knapp und teuer. Gefragt sind Unternehmen, die ihr Wachstum aus eigener Kraft finanzieren. Unser Filter zeigt, wo in der DAX-Familie solche Festungen stehen.>

Die Zahlen sind gewaltig. Allein Amazon, Alphabet, Microsoft und Meta wollen 2026 zusammen fast 740 Mrd. US-Dollar investieren, überwiegend in KI-Rechenzentren und Chips. Bei Amazon ist der freie Cashflow der vergangenen zwölf Monate auf minus 42 Mrd. Dollar gefallen. Ein Jahr zuvor flossen dem Konzern noch 14,8 Mrd. Dollar zu. Die Lücke schließen die Hyperscaler am Anleihemarkt. Zusammen mit Oracle haben sie bis Anfang August rund 220 Mrd. Dollar begeben, nach etwa 70 Mrd. Dollar im gesamten Vorjahr.

Kapitalhunger statt Nullzins Auch die Staaten leihen sich so viel wie nie. Die US-Staatsschulden liegen inzwischen bei mehr als 40,5 Bio. Dollar. Die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen stieg Anfang Oktober auf 5,73%, den höchsten Stand seit Mai 2002. Deutschland finanziert Infrastruktur über ein 500 Mrd. Euro schweres Sondervermögen und hat die Schuldenbremse für Verteidigung gelockert. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren so hoch wie seit 17 Jahren nicht mehr.

Nach mehr als einem Jahrzehnt billigen Geldes hat sich das Bild radikal gedreht. Staaten und Konzerne konkurrieren um knapper werdendes Kapital. Das spricht für strukturell hohe, womöglich weiter steigende Zinsen. Die Schuldenlast heizt die Inflation an, die Glaubwürdigkeit der Notenbanken bröckelt. EZB und Fed haben die Leitzinsen 2026 bereits angehoben. Für Dezember erwarten die Märkte bei beiden den nächsten Schritt. Das Nachsehen haben alle, die auf frisches Geld angewiesen sind.

Wer steht in diesem Umfeld gut da? Wir haben die 160 Werte aus DAX, MDAX und SDAX durchleuchtet. Gesucht sind Unternehmen mit wenig Schulden und hohen Mittelzuflüssen aus dem laufenden Geschäft. Sie sollen ihr Wachstum ohne teures Fremdkapital finanzieren können. Erstes Kriterium ist daher die Bilanzqualität. Industriewerte müssen eine Nettoverschuldung unter dem 1,5-Fachen des EBITDA aufweisen. Für Banken und Versicherer taugt eine Verschuldungskennzahl nicht, hier zählt die Eigenkapitalausstattung. Banken brauchen eine harte Kernkapitalquote (CET1) von mindestens 14%, Versicherer eine Solvency-II-Quote von mindestens 180%.

Deutsche Unternehmen gut gerüstet Die gute Nachricht: 96 der 160 Werte bestehen den Test, 81 sogar im Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Spurlos ist die Zinswende aber nicht an ihnen vorbeigegangen. 2021 hatten noch 40 der solide finanzierten Industriewerte mehr Barmittel als Schulden, heute sind es 32. Bei VW, BMW, Mercedes-Benz oder Siemens zählt nur das Industriegeschäft ohne Finanzierungssparte. Andere fallen aus gutem Grund durch. Immobilienwerte wie Vonovia sind strukturell fremdfinanziert. Versorger wie E.ON (2,8x) und Infrastrukturwerte wie die Deutsche Telekom (2,6x) oder Fraport (6,5x) können höhere Schulden tragen. Ihre Cashflows sind reguliert und gut planbar. Bei Sixt gehört die Flottenfinanzierung zum Geschäftsmodell.

 

Eine schlanke Bilanz allein macht aber noch keine gute Aktie. Hinzukommen muss eine über Jahre belegte Ertragsstärke, gestützt auf ein Geschäftsmodell mit tiefem Burggraben. Nur er sichert dauerhaft hohe Mittelzuflüsse. Im zweiten Schritt prüfen wir deshalb die Ertragskraft im Fünfjahresschnitt. Industriewerte brauchen eine EBIT-Marge über 8%, eine Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROIC) über 7% und eine Free-Cashflow-Marge über 5%. Banken und Versicherer müssen eine Eigenkapitalrendite über 10% erzielen, Versicherer zudem eine EBIT-Marge über 8%. Beide Sektoren profitieren von höheren Zinsen: über breitere Zinsmargen und höhere Erträge bei der Neuanlage.

Übrig bleiben 31 Unternehmen, elf aus dem DAX und je zehn aus MDAX und SDAX. Software- und IT-Häuser stellen mit sieben Titeln die größte Gruppe. Dazu kommen Industriewerte wie GEA, Knorr-Bremse und Rheinmetall sowie Nischenführer wie der Schmierstoffhersteller Fuchs und der Fotodienstleister Cewe. Auch die vier Versicherer Allianz, Munich Re, Hannover Rück und Talanx sind dabei. Die Banken Commerzbank und Pbb scheitern an der Eigenkapitalrendite.

Wer an einer Hürde hängen bleibt, ist deshalb nicht automatisch ein schwaches Unternehmen. Die Deutsche Börse etwa verfehlt das Verschuldungskriterium im Fünfjahresschnitt nur wegen der Simcorp-Übernahme 2023. Sie trieb den Wert vorübergehend auf 2,2x, inzwischen liegt er wieder bei 1,2x. Qiagen, Henkel und Siemens scheitern mit einem ROIC von 6,9 bis 7,0% denkbar knapp an der Kapitalrendite.

Für die Spitzengruppe legen wir die Latte im dritten Schritt noch einmal höher. Industriewerte brauchen hier eine EBIT-Marge über 10%, einen ROIC über 8% und eine Free-Cashflow-Marge über 10%. Vor allem die letzte Hürde hat es in sich: Wer mindestens ein Zehntel des Umsatzes als freien Cashflow behält, finanziert Investitionen, Dividenden und Aktienrückkäufe aus eigener Kraft. Für Banken und Versicherer bleiben die Kriterien unverändert. 13 Unternehmen schaffen auch diese Hürde. Neben den vier Versicherern sind das die Softwarehäuser SAP, Nemetschek und Atoss, die Immobilienplattform Scout24, der Ticketvermarkter CTS Eventim, der Vermögensverwalter DWS, der Großküchenausrüster Rational, der Mobilfunkanbieter Freenet und der Optiker Fielmann.

 

Für unsere eigene Auswahl liefert der Filter jedenfalls eine Bestätigung. 23 der 31 Titel stehen als Kaufempfehlungen auf unseren Dispolisten, ebenso die vier knapp gescheiterten. Sechs der 31 finden sich zudem im Musterdepot wieder: SAP, Scout24, CTS Eventim, GEA, Cewe und Talanx. Dazu kommt die Deutsche Börse.

Doch auch eine Festung kann man zu teuer kaufen. Selbst die beste Bilanz schützt nicht vor Kursverlusten, wenn Anleger zu viel für die Aktie bezahlen. Deshalb prüfen wir bei jeder Empfehlung beides: die Qualität des Unternehmens und den Preis der Aktie. Das gilt für unsere Dispolisten und erst recht für das Musterdepot.

Festungen stehen im Übrigen nicht nur in Deutschland. Einen ähnlichen Filter legen wir deshalb auch demnächst über unser globales Aktienuniversum, auch hier mit Blick auf die Bewertung. Die 25 aussichtsreichsten Aktien für das anspruchsvolle Anlagejahr 2027 stellen wir Ihnen dann in der PLATOW Prognose 2027 vor. Sie ist ab Dezember bestellbar. Wer lieber hierzulande investiert, findet deutsche Festungen schon heute in unserem Musterdepot.

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