PLATOW Börse - Prysmian profitiert gleich doppelt vom KI-Infrastrukturboom
Prysmian liefert Strom- und Datenverbindungen für Rechenzentren. Kaum ein Anbieter ist so breit positioniert, um an beiden Seiten des KI-Booms zu verdienen.>
Ein KI-Rechenzentrum braucht nicht nur Chips und Server. Es benötigt enorme Strommengen, neue Netzanschlüsse und Glasfaser für wachsende Datenströme. Prysmian liefert Hochspannungssysteme, Kabel für Verteilnetze und Gebäude sowie Glasfaser und Verbindungstechnik. Aus dem klassischen Kabelhersteller ist damit ein breit aufgestellter Infrastrukturanbieter geworden. Operativ teilen die Italiener ihr Geschäft in vier Bereiche auf: Transmission umfasst Hochspannungssysteme, Power Grid die Verteilnetze. Electrification liefert vor allem Kabel für Gebäude und Industrie. Digital Solutions bündelt Glasfaser und Verbindungstechnik. 2025 erzielte Prysmian 19,65 Mrd. Euro Umsatz und 2,4 Mrd. Euro bereinigtes EBITDA. Besonders wichtig ist der Wandel im Ergebnismix. Transmission und Digital Solutions standen rechnerisch für knapp ein Viertel des Umsatzes, aber schon gut ein Drittel des EBITDA. Die beiden Segmente sind also besonders margenstark.
Die Internationale Energieagentur (IEA) erwartet, dass der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 950 Terawattstunden steigt und sich damit gegenüber 2025 nahezu verdoppelt. Das entspräche dann etwa 3% des weltweiten Stromverbrauchs. Ein aktueller Auftrag zeigt, dass Prysmian davon profitiert. In Zusammenarbeit mit Rio Tinto liefert das Unternehmen Stromkabel für ein Amazon-Rechenzentrum in Ohio. Dabei wird auch die Nachhaltigkeit gefördert. Durch die Verwendung von Aluminium, das mit einer speziellen Technologie hergestellt wird, werden direkte Treibhausgasemissionen aus dem Schmelzprozess vermieden. Dadurch kann der oftmals kritisierte CO₂‑Fußabdruck von Rechenzentren bereits in einem frühen Stadium reduziert werden.
Zugleich wächst der Bedarf an Glasfaser. Immer mehr Rechner müssen innerhalb und zwischen den Rechenzentren mit hoher Geschwindigkeit Daten austauschen. Im Juli sicherte sich Prysmian mit dem US-Verbindungstechnikspezialisten Molex einen bis zu zehnjährigen Liefervertrag für Glasfaserkabel über maximal 5,5 Mrd. Euro. Molex zahlt 550 Mio. Euro vorab. Neben Molex hat Prysmian weitere Verträge mit Hyperscalern und Anbietern von Rechenzentrumsinfrastruktur geschlossen. Zusammen sollen diese Vereinbarungen bis 2035 mehr als 10 Mrd. Euro zusätzlichen Umsatz gegenüber 2025 bringen. Nach Angaben des Vorstands ist der erwartete Umsatz für die kommenden fünf bis sechs Jahre bereits durch unterzeichnete Verträge abgedeckt.
Um die Nachfrage bedienen zu können, investiert Prysmian bis 2031 rund 1,25 Mrd. Euro in zusätzliche Produktionskapazitäten in den USA und Europa. Allein am bestehenden Standort in Claremont/North Carolina fließen gut 1 Mrd. US-Dollar in neue Anlagen für die Herstellung von Glasfasern. Die US-Kapazität soll sich dadurch mehr als verdoppeln.
Hochspannung liefert den stärksten Burggraben Besonders gut ist Prysmian im Hochspannungsgeschäft (Transmission) aufgestellt. Der Konzern beziffert seinen historischen Weltmarktanteil dort auf rund 35-40%. Der Konzern fertigt die Kabel nicht nur, sondern plant und installiert komplette Systeme. Acht eigene Kabellegeschiffe verringern dabei die Abhängigkeit von Fremdanbietern. Diese Kombination aus Technik, Projektwissen, Referenzen und eigener Installation schafft hohe Eintrittsbarrieren. Das schlägt sich auch in der Profitabilität nieder. Das bereinigte EBITDA von Transmission stieg von 273 Mio. Euro in 2023 auf 582 Mio. Euro in 2025.
Noch deutlicher zeigt sich die Entwicklung bei der Marge: Bereinigt um Schwankungen der Metallpreise erhöhte sich diese von 13,6% im Jahr 2023 über 14,5% auf 18,3% im Jahr 2025. Im zweiten Quartal 2026 erreichte sie bereits 21,2%. Zum Vergleich: Im Gesamtkonzern stieg die entsprechend berechnete EBITDA-Marge von 11,9% in 2023 auf 14,2% in 2025 und zuletzt 15,4%. Berechnet wird die Marge auf Basis standardisierter Metallpreise. Damit sollen Schwankungen bei Kupfer und Aluminium den Vergleich der operativen Entwicklung weniger verzerren. Auch direkte Wettbewerber wie NKT und Nexans steigern ihre Margen in diesem Segment. Das knappe Angebot erlaubt der Branche derzeit hohe Preise und eine selektive Auftragsannahme. Prysmian hält eine stärkere Annäherung von Angebot und Nachfrage gegen 2029 oder 2030 für möglich. Bis dahin sollte der positive Trend anhalten.
Übernahmen haben das Geschäft in den vergangenen Jahren erweitert. Encore Wire stärkte 2024 das nordamerikanische Gebäude- und Industriekabelgeschäft. Channell ergänzte 2025 Verbindungstechnik für Datennetze. Nun soll Atkore Schutzrohre, Kabelmanagement und weitere elektrische Infrastrukturprodukte hinzufügen. Prysmian beziffert den Unternehmenswert auf rund 3,8 Mrd. Dollar. Der Kaufpreis entspricht dem 9,8-fachen EBITDA und dem 1,3-fachen Umsatz. Innerhalb von drei Jahren sollen jährlich etwa 150 Mio. Dollar Synergien vor Steuern entstehen. Bei der Finanzierung ist mit der jüngst abgeschlossenen Kapitalerhöhung ein wichtiger Baustein erfüllt. Für den bis Jahresende geplanten Vollzug fehlen unter anderem noch die Zustimmung der Atkore-Aktionäre sowie weitere Freigaben. Ein potenzieller Belastungsfaktor könnte eine laufende Untersuchung des US-Justizministeriums im Geschäft mit PVC-Rohren und Schutzleitungen sein.
Neue Ziele, hohe Renditen und eine überschaubare Verschuldung Zwischen 2022 und 2025 stieg der Umsatz rechnerisch um knapp 7% pro Jahr. Das bereinigte EBITDA legte dagegen um rund 17% jährlich zu. Für 2026 erwartet der Vorstand 2,8 Mrd. bis 2,9 Mrd. Euro. EBITDA. Damit ist Prysmian seinem Mittelfristplan weit voraus. Beim Capital Markets Day im März 2025 hatte der Konzern für 2028 ein bereinigtes EBITDA von 2,95 Mrd. bis 3,15 Mrd. Euro angepeilt. Der Mittelpunkt der aktuellen 2026er-Prognose erreicht bereits gut 93% des damaligen Zielmittelpunkts. Molex und Atkore waren in dieser Planung noch nicht enthalten. Bei dem für das erste Halbjahr 2027 angekündigten Capital Markets Day dürfte deshalb ein neuer Mittelfristplan präsentiert werden. Bei der Rendite auf das eingesetzte Kapital (ROCE) lag Prysmian 2024 bei rund 16%. Bis 2028 sollen daraus 20 bis 22% werden.
Auch beim Free Cashflow ist die Entwicklung sehr erfreulich. Nach 1,17 Mrd. Euro in 2025 erwartet Prysmian 2026 zwischen 1,65 Mrd. und 1,75 Mrd. Euro. Die Molex-Vorauszahlung erhöht diesen Wert nach zusätzlichen Investitionen netto um rund 350 Mio. Euro. Die Nettofinanzschulden von 3,1 Mrd. Euro entsprachen Ende 2025 dem 1,3-fachen bereinigten EBITDA. Zur Jahresmitte 2026 waren es 4,1 Mrd. Euro und ein Ratio von 1,6. Dank der hohen Cashflows erwartet Prysmian bis Jahresende vor dem Atkore-Kauf einen Rückgang auf 0,8.
Gründe und Grenzen des Bewertungsaufschlags Die Bewertung der Aktie (124,75 Euro; IT0004176001) ist mit einem 12-Month-Forward-KGV von gut 22 im historischen Vergleich relativ hoch. Im Fünfjahresmittel lag das KGV bei 17,7, im Zehnjahres-Schnitt bei 16,1. Auch beim Unternehmenswert im Verhältnis zum EBITDA ist ein klarer Aufschlag erkennbar. Das EV/EBITDA liegt aktuell bei 13,1, die historischen Mittelwerte betragen 9,8 bzw. 9,1. Im direkten Vergleich ist Nexans mit einem Forward-KGV von rund 16 und einem EV/EBITDA von etwa 7 klar günstiger. NKT liegt beim KGV mit rund 23,5 etwas höher, beim EV/EBITDA mit knapp 11 etwas niedriger.
Laut Konsens sollen Umsatz und EBITDA bei Prysmian von 2026 bis 2028 jährlich um gut 10% beziehungsweise rund 18% wachsen. Nexans kommt auf etwa 9% und 13%. NKT wächst mit rund 17% und 34% deutlich schneller, hängt aber stärker am Hochspannungsgeschäft. In Summe ist Prysmian breiter aufgestellt als die Konkurrenz und damit nicht so stark von einzelnen Trends und Märkten abhängig. Marktstellung, Geschäftsmix und Ergebnisentwicklung rechtfertigen einen Bewertungsaufschlag. Dieser lässt aber wenig Raum für Enttäuschungen. Prysmian muss die hohen Margen verteidigen, die neuen Glasfaserkapazitäten auslasten und Atkore mit attraktiver Kapitalrendite integrieren.
Das Geschäftsmodell und die Positionierung am Markt überzeugen uns ebenso wie die Finanzkennzahlen und die Zukunftsaussichten. Nach dem starken Kursanstieg (die Aktie hat sich von April 2025 bis Mai 2026 mehr als vervierfacht) könnte sich die laufende Konsolidierung auch mit Blick auf die Bewertung aber noch etwas fortsetzen. Akkumulieren Sie deshalb Prysmian gestaffelt bei 110,00 Euro und bei 98,00 Euro. Stopp: 65,00 Euro.