PLATOW Börse - Legrand zwischen KI-Boom und Bauschwäche
Der französische Elektrotechnikkonzern Legrand profitiert vom weltweiten Ausbau der KI-Infrastruktur, leidet aber gleichzeitig unter der schwachen europäischen Baukonjunktur. Auf seinem jüngsten Kapitalmarkttag hat das Management die mittelfristigen Wachstumsziele dennoch deutlich angehoben und damit die Erwartungen weiter nach oben geschraubt.>
Schalter und Steckdosen gehören zu den bekanntesten Produkten von Legrand. Doch das Sortiment des Unternehmens aus Limoges reicht von klassischen Elektroinstallationen über Gebäudeautomation und Energiemanagement bis zu Stromverteilungssystemen, Serverschränken und Kühllösungen für Rechenzentren.
Die Franzosen, die wir erstmals in der „PLATOW Prognose 2025“ vorstellten, entwickeln und produzieren elektrische und digitale Infrastruktur für Wohnhäuser, Gewerbeimmobilien und Industrieanlagen. Mehr als 70% des Konzernumsatzes erzielt Legrand über professionelle Distributoren, insbesondere Elektrogroßhändler. Im wachsenden Rechenzentrumsgeschäft arbeitet das Unternehmen zudem direkt mit Betreibern und großen Cloud-Anbietern zusammen.
Die Nachfrage profitiert von der Elektrifizierung, steigenden Anforderungen an die Energieeffizienz und dem Ausbau digitaler Infrastruktur. Renovierungen machen zudem rund 40 bis 45% des Geschäfts aus und begrenzen die Abhängigkeit vom Neubau. Das Mitglied des CAC40 verfügt dabei über eine starke Wettbewerbsposition: In Märkten, die für knapp zwei Drittel des Umsatzes stehen, zählt das Unternehmen nach eigenen Angaben zu den beiden größten Anbietern. Das breite Sortiment, etablierte Vertriebsbeziehungen und unterschiedliche nationale Installationsstandards erschweren neuen Wettbewerbern den Markteintritt. Elektriker bevorzugen zudem vertraute Produkte, die zuverlässig verfügbar und einfach zu installieren sind. Der Anschaffungspreis spielt angesichts der gesamten Projektkosten eine vergleichsweise geringe Rolle. Zwischen 2010 und 2025 konnte Legrand seine Verkaufspreise im Durchschnitt um rund 2% jährlich erhöhen.
Seit 2021 hat Legrand den Konzernumsatz von 6,99 auf 9,48 Mrd. Euro gesteigert. Nach einem verhaltenen Jahr 2024 mit lediglich 1,0% organischem Wachstum beschleunigte sich die Entwicklung 2025 auf 7,7%. Die Profitabilität blieb hoch: Zwischen 2023 und 2025 bewegte sich die bereinigte EBIT-Marge in einer engen Spanne von 20,5 bis 21,0%. Ein wichtiger Bestandteil der Expansion sind gezielte Übernahmen, mit denen Legrand sein Produktportfolio und seine geografische Präsenz erweitert. Allein zum Aufbau des Rechenzentrumsgeschäfts hat der Konzern insgesamt 32 Unternehmen erworben.
Die Zukäufe beanspruchen zunehmend Kapital. Ende Juni 2026 lag die Nettoverschuldung bei 5,76 Mrd. Euro, gegenüber 2,01 Mrd. Euro Ende 2023. Das Verhältnis zum EBITDA der vergangenen zwölf Monate stieg auf 2,45 und erreichte damit nahezu die Obergrenze der vom Management angestrebten Bandbreite von 1,5 bis 2,5. Auch die Cashflow-Entwicklung verdient Aufmerksamkeit. Der freie Cashflow sank zwischen 2023 und 2025 von 1,58 auf 1,33 Mrd. Euro, die FCF-Marge von 18,8 auf 14,0%. Gleichzeitig ging der von Legrand ausgewiesene ROCE nach Steuern von 14,7 auf 12,3% zurück. Die Kapitalbasis ist damit schneller gewachsen als die darauf erwirtschafteten Erträge.
Operativ hat sich die Dynamik 2026 allerdings nochmals verstärkt. Im ersten Halbjahr stieg der Umsatz organisch um 9,8% auf 5,4 Mrd. Euro, der bereinigte operative Gewinn um 12,0%. Besonders stark entwickelte sich Nord- und Mittelamerika mit einem organischen Umsatzplus von 24,2%, während Europa einen Rückgang um 2,4% verzeichnete. Die bereinigte EBIT-Marge gab leicht von 21,0 auf 20,8% nach.
Zum starken Wachstum in Nordamerika trägt vor allem das Rechenzentrumsgeschäft bei. Dessen Umsatz hat sich seit 2021 vervielfacht. Für 2026 erwartet das Management erstmals mehr als 3 Mrd. Euro. Der Anteil am Konzernumsatz erreichte im ersten Halbjahr bereits 32%. Mit steigender Leistungsdichte der KI-Server wachsen die Anforderungen an Stromversorgung, Kühlung und Überwachung. Legrand profitiert dabei von seinem breiten Produktangebot und der durch Akquisitionen ausgebauten Präsenz entlang der technischen Infrastruktur von Rechenzentren. Im klassischen Gebäudeinstallationsgeschäft bleibt die Nachfrage dagegen insbesondere in Europa verhalten.
Dennoch hob Legrand seine Jahresprognose im Juli deutlich an. Bereinigt um Wechselkurse sollen die Erlöse 2026 um 16 bis 19% steigen, davon 8 bis 10% organisch. Auf dem Kapitalmarkttag Ende September erhöhte CEO Benoît Coquart zudem das Umsatzziel für 2030 von 15 Mrd. auf 16 bis 18 Mrd. Euro. Für 2027 bis 2030 strebt er ein durchschnittliches organisches Wachstum von jährlich 6 bis 8% sowie eine bereinigte operative Marge von durchschnittlich 21 bis 22% an. Übernahmen sollen im Jahresdurchschnitt rund fünf zusätzliche Prozentpunkte zum Wachstum beitragen.
Gelingen diese Pläne, könnte der Gewinn je Aktie zwischen 2025 und 2030 um durchschnittlich 10 bis 13% jährlich steigen. Der Analystenkonsens rechnet für die Periode mit dem Erreichen des oberen Endes dieser Spanne. Dem gegenüber steht ein 2027er-KGV von rund 23; das 2027er-EV/EBIT liegt bei knapp 17. Damit ist die Aktie (138,65 Euro; FR0010307819) ähnlich bewertet wie Schneider Electric und Siemens, während ABB und Eaton höhere Bewertungsmultiplikatoren aufweisen.
Anhaltend hohe Investitionen in Rechenzentren stützen die Wachstumsaussichten von Legrand. Zusätzliche Kursimpulse könnten aus einer Erholung des europäischen Baugeschäfts kommen.
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