PLATOW Börse - Ist KI inflationär oder deflationär? – Eine Frage des Zeitpunkts
Die Antwort lautet: beides. Nur eben nicht gleichzeitig. Warum der Rechenzentrumsboom zunächst die Preise treibt – und weshalb ausgerechnet Fed-Chef Warsh seine Disinflationsthese zeitlich nach hinten verschiebt.>
KI wirkt kurzfristig vor allem inflationär – und zunächst dort, wo es kaum jemand im Verbraucherpreisindex sucht. Der Bau von Rechenzentren treibt den Strombedarf, die Rechnung landet zuerst bei Versorgern und Großkunden: Die Kapazitätspreise im größten US-Strommarkt PJM sprangen binnen zwei Lieferjahren von 28,92 auf 329,17 US-Dollar je Megawatt-Tag – mehr als das Elffache. PJMs unabhängiger Marktbeobachter Monitoring Analytics führt 63% des Anstiegs im Lieferjahr 2025/26 direkt auf Rechenzentren zurück. Die Mehrkosten von 9,3 Mrd. Dollar wurden über die Strompreise an die Kunden weitergegeben.
Parallel bindet der Capex-Boom der Hyperscaler Bau- und Ingenieurskapazitäten: Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta führen für 2026 zusammen mindestens 745 Mrd. Dollar in ihren Planungen. Alphabet allein investierte 2025 noch 91,4 Mrd. Dollar. Auch bei Speicherchips steigen die Preise: TrendForce rechnet im vierten Quartal mit Aufschlägen von 10 bis 15% bei DRAM und 15 bis 20% bei NAND.
Erzeuger- vor Verbraucherpreisen Entscheidend ist die Trennung der Ebenen. Der US-Erzeugerpreisindex stieg im September um 6,3% zum Vorjahr, der stärkste Zuwachs seit Dezember 2022; Energie verteuerte sich sogar um 35,4%. Im Verbraucherpreisindex kamen davon 3,7% an.
Die eigentliche Frage lautet daher: Wie viel wird durchgereicht? Beim Strom geschieht das bereits. Der Erzeugerpreis für Haushaltsstrom stieg um 4,5%, der CPI-Strompreis um 4,4% – nahezu deckungsgleich.
Fed-Chef Kevin Warsh brachte es am 16. Oktober bei den IWF-Tagungen in Bangkok auf den Punkt: KI sei ein „Schock”, der „die Nachfrageseite der Wirtschaft trifft, bevor er die Angebotsseite erreicht”.
Die Deflation kommt später Dass die deflationären Kräfte real sind, bestreitet niemand. Epoch AI beziffert den Preisverfall für ein gegebenes KI-Leistungsniveau auf rund 47% je Quartal, umgerechnet Faktor 13 pro Jahr – schneller als bei jeder vergleichbaren Technologie zuvor.
Nur ist davon in den Statistiken bislang wenig zu sehen. Die Arbeitsproduktivität außerhalb der Landwirtschaft stieg im zweiten Quartal um 2,2% zum Vorjahr – solide, aber kein Boom.
Für die Geldpolitik ist das brisant. „KI ist disinflationär” galt in Washington bis vor Kurzem als Argument für Zinssenkungen – auch bei Warsh, der damit präventive Senkungen ins Spiel gebracht hatte. Verworfen hat er die These nicht, aber zeitlich verschoben: Der Nutzen werde „gewaltig”, der Weg dorthin jedoch „sehr holprig”.
Erst kommt die Inflation, die Deflation folgt mit der breiten Adoption. Wie lang die Lücke dazwischen wird, weiß niemand.