PLATOW Börse - Ist die Qualitätsaktie L’Oréal ihren Preis wert?
Der Kosmetikkonzern wächst schneller als erwartet und ist inzwischen das wertvollste Unternehmen Frankreichs. China, Indien und KI sorgen für Schwung, ab 2027 kommt Gucci hinzu. Was die Bewertung nach dem Kurssprung noch hergibt.>
L’Oréal belohnt Geduld: Wer seine Aktien mindestens zwei volle Kalenderjahre als Namensaktien hält, bekommt 10% mehr Dividende. Bei der jüngsten Ausschüttung von 7,20 Euro wären das 7,92 Euro. Gemessen daran ist die Rendite mit 1,8% zwar mager, doch die Dividende wächst seit 2011 um rund 10% pro Jahr. Bei einer Registrierung bis Ende 2026 fließt der Bonus erstmals 2029. Der Haken: Die Aktien müssen im französischen Register stehen. Nicht jede deutsche Depotbank bietet das an. Wo es geht, fallen Gebühren an; L’Oréal erstattet einmalig bis zu 50 Euro. Vor einem Verkauf müssen die Aktien zudem zurückgetauscht werden. Langfristig denken auch die Großaktionäre: Die Gründerfamilie Bettencourt Meyers ist seit 1909 beteiligt und hält knapp 35%, Nestlé seit 1974 gut 20% der Anteile.
Operativ überzeugt L’Oréal: Im dritten Quartal wuchs der Umsatz bereinigt um 7,7% auf 11,6 Mrd. Euro. Analysten hatten weniger erwartet, im Vorquartal waren es 6,3%. Vorn lagen mit jeweils knapp 14% die Apothekenmarken der Dermatologie (La Roche-Posay, CeraVe) und die Profi-Haarpflege für Friseure (Kérastase). Die Luxussparte (Lancôme, YSL) zog auf 7% an, die Massenmarken (L’Oréal Paris, Garnier) kamen auf knapp 4%. Der Reiseeinzelhandel in Asien wächst früher als erwartet wieder. Schwach blieben nur Nordamerika und Lateinamerika, wo Lieferprobleme bei Make-up in Mexiko belasteten. Während Luxusmodekonzerne wie Kering und LVMH schwächelten, stieg die L’Oréal-Aktie am Freitag (23.10.) um 4%. Dass L’Oréal LVMH als wertvollstes Unternehmen Frankreichs abgelöst hat, liegt allerdings auch am Absturz des Modekonzerns.
Das jüngste Quartal setzt einen Trend fort: Seit Anfang 2025 beschleunigt sich das bereinigte organische Wachstum von Halbjahr zu Halbjahr, von 3,2% über 4,9% auf 6,5%. Der Markt wuchs 2025 um rund 3,5%, in diesem Jahr erwartet L’Oréal 4,5 bis 5%. Neue Produkte steuerten im ersten Halbjahr rund 2,5 Prozentpunkte zum Wachstum bei, nach 1 Prozentpunkt ein Jahr zuvor. Haarpflege (+15,6%) und Düfte (+10,3%) trugen im ersten Halbjahr das Wachstum, nun schlägt L’Oréal auch in der Hautpflege wieder den Markt. Das Wachstum kommt inzwischen überwiegend aus Menge und teureren Produkten statt aus Preiserhöhungen. Bei Quartalsvergleichen sollten Anleger genau hinsehen: Vor jeder Umstellung auf das neue SAP-System bestellen Händler auf Vorrat. L’Oréal weist deshalb eine bereinigte Rate aus, im dritten Quartal +7,7% statt +7,2%. Über neun Monate gleichen sich die Effekte aus. Die Umstellung läuft aber noch bis 2027.
Neue Treiber von China bis ChatGPT Der chinesische Gesamtmarkt wächst nur im niedrigen einstelligen Bereich. Die Segmente Luxus und Dermatologie legten im ersten Halbjahr aber um rund 7% zu. Im Luxussegment führt L’Oréal mit etwa 30% Marktanteil, das Plus liegt dort im zweistelligen Bereich. Insgesamt wuchs der Konzern in China fast dreimal so schnell wie der Markt. Noch dynamischer ist die Region rund um Indien und Südostasien (Q3: +19,5%). Dort liegt L’Oréal mit 12 bis 13% Marktanteil, in Indien noch weniger, unter seinem weltweiten Schnitt von 15%, es gibt also Luft nach oben. Dazu hat der Konzern die Mehrheit an der indischen Markengruppe Innovist übernommen. Gemeinsam mit Nykaa, Indiens größtem Beauty-Händler, beteiligt er sich zudem an jungen Marken.
Ende März übernahm L’Oréal für 4 Mrd. Euro in bar Kering Beauté. Damit sicherte sich der Konzern 50-jährige Lizenzen für Bottega Veneta, Balenciaga und Gucci. Weil Kering den Vertrag mit Coty vorzeitig ablöste, übernimmt L’Oréal das Gucci-Geschäft schon im Juli 2027. Erste selbst entwickelte Neuheiten folgen 2028. Luxe-Chef Cyril Chapuy traut der Marke einen Umsatz von mehreren Milliarden Euro zu. Dass Gucci im Modegeschäft weiter schrumpft (Q3: -6%), muss das nicht verhindern: Großhandel und Lizenzen der Marke wuchsen zuletzt sogar. YSL Beauty ist mit 3 Mrd. Euro Umsatz so groß wie das Modegeschäft der Marke. Bei Gucci erreicht Beauty bisher nur einen Bruchteil des Modeumsatzes. Genau darin sieht CEO Nicolas Hieronimus das Potenzial. Prada und Valentino wuchsen laut Hieronimus bei L’Oréal in vier bis sechs Jahren von unter 100 Mio. auf über 700 Mio. Euro. Kurzfristig kostet die Integration von Kering Beauté rund 10 Basispunkte Konzernmarge.
Mit Nvidia simuliert L’Oréal indes Wirkstoffe auf Molekülebene, die Wirkstoffsuche soll so 100-mal schneller laufen. Näher am Umsatz ist die Produktsuche per Chatbot: Laut einer Simulation von Berenberg entfallen 27% der ChatGPT-Empfehlungen auf L’Oréal-Marken, fast doppelt so viel wie der Marktanteil. Seit Juni kooperiert L’Oréal mit OpenAI. Mit SkinCeuticals, CeraVe und Garnier gehört der Konzern zu den ersten Werbekunden in ChatGPT. Belastbare Zahlen dürfte der Kapitalmarkttag Ende November liefern, bei dem KI im Mittelpunkt stehen soll.
Zugleich setzt L’Oréal auf den Trend zu Gesundheit und Langlebigkeit. Ein neues Feld sind die Nutzer von Abnehmspritzen: Wer damit stark abnimmt, kämpft oft mit schlaffer Haut und dünnerem Haar. Dafür entwickelt L’Oréal eigene Produkte. Ins Bild passen ein angedachtes Wellness-Joint-Venture mit Kering und die auf 20% aufgestockte Beteiligung an der Schweizer Galderma (Faltenbehandlung). Bei Galderma belasten Abschreibungen aus der Kaufpreisallokation zunächst das Ergebnis. Die 7,3% an Sanofi (rund 7 Mrd. Euro) bleiben eine Finanzreserve, die rund 365 Mio. Euro Dividende im Jahr abwirft.
Qualität hat ihren Preis Die operative Marge stieg im ersten Halbjahr um 20 Basispunkte auf den Rekord von 21,3%. Große Sprünge sind nicht geplant: CFO Christophe Babule erwartet jährlich 20 bis 30 Basispunkte Einsparungen bei den Verwaltungskosten, die L’Oréal aber bevorzugt in Werbung (fast 33% vom Umsatz) steckt. Analysten erwarten für 2026 ein Plus beim Gewinn je Aktie von knapp 8% auf 13,72 Euro. Bremsen dürften Zinsen sowie die Zukäufe Kering Beauté und Galderma. 2027 und 2028 soll der Gewinn jeweils um gut 9% steigen. Die Nettoverschuldung lag Ende Juni nach den Zukäufen bei 12,7 Mrd. Euro, dem 1,2-Fachen des EBITDA. Bis Jahresende soll sie unter das 1,0-Fache sinken.
Das 12-Monats-KGV liegt bei 29,1. Der Abschlag zum 10-Jahres-Schnitt von 30,7 ist damit fast aufgezehrt. Gegenüber Konsumgüterwerten wie Beiersdorf (KGV 20,6) bleibt ein deutlicher Aufschlag. Den halten wir für gerechtfertigt: L’Oréal erzielt eine Eigenkapitalrendite von über 20% und eine Bruttomarge von knapp 74%. Kein großer Konsumgüterkonzern verbindet eine operative Marge um 20% mit einem Umsatzwachstum von fast 10% pro Jahr über die vergangenen fünf Jahre, Zukäufe eingerechnet. Nachholpotenzial ist da: Seit Ende 2021 stieg der Gewinn je Aktie um 44%. Der Kurs liegt dagegen kaum höher als damals und noch etwa 7% unter dem Rekord von 2024 (461,85 Euro). Ein Risiko bleiben rund 11.800 US-Klagen wegen Haarglättern. Im ersten Halbjahr verbuchte der Konzern 169 Mio. Euro Aufwand für Produkthaftungsklagen.
Wir sehen L’Oréal am Beginn einer neuen Wachstumsphase, getragen von Innovationen, Schwellenländern und mittelfristig Gucci. Rücksetzer bis 400 Euro, dem früheren Widerstand, sind Kaufgelegenheiten. Die Euronext-Aktie (428,45 Euro; FR0000120321) ist ein Kauf, für Langfristanleger am besten als Namensaktie mit Treuebonus. Stopp: 345,00 Euro.