PLATOW Börse - Chance oder Value-Trap - Welche Aktien unter Buchwert den Abschlag nicht verdienen

Von Platow Brief

Eine niedrige Bewertung allein ist noch kein Kaufargument. Wer nicht in eine Anlegerfalle tappen will, muss genauer hinschauen. Von 160 Werten aus DAX, MDAX und SDAX besteht nur eine Handvoll unseren Test. Fresenius Medical Care ist nur einer von ihnen.>

41 der 160 Titel aus DAX, MDAX und SDAX notieren derzeit unter Buchwert, also gut jede vierte Aktie. Die Frage ist nur: Schnäppchenmarkt oder Minenfeld?

Ganz oben auf der Liste steht Volkswagen. Die Vorzugsaktie des Autobauers weist ein Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) von 0,19 auf. Sie wird zum 3,7-Fachen des für die nächsten zwölf Monate geschätzten Gewinns gehandelt. Das hat gute Gründe: Europas größter Autobauer kämpft mit strukturellen Problemen, vor allem in China. Im dritten Quartal 2026 verkaufte VW rund 1,9 Mio. Fahrzeuge, 14,3% weniger als im Vorjahr. Das war der stärkste Absatzrückgang seit 2022. In der Volksrepublik brachen die Verkäufe sogar um 38,5% ein. In den vergangenen fünf Jahren hat die VW-Aktie knapp 64% an Wert verloren, der DAX legte im selben Zeitraum gut 63% zu. Bei VW ist die niedrige Bewertung also eher Warn- als Kaufsignal.

Vier Filter gegen die Value-Trap Wer günstige Titel sucht, die sich nicht wie VW als Value-Trap entpuppen, braucht mehr Filter. Wir haben die 160 Titel aus DAX, MDAX und SDAX nach einem KBV unter 1 und einem 12-Monats-KGV unter 10 gefiltert. Werte mit einem KGV unter 5 haben wir vorsichtshalber aussortiert. So hielt es schon der US-Investor Martin Zweig, und Value-Legende Joel Greenblatt empfahl dasselbe. VW ist damit raus. 24 Titel notieren unter Buchwert und zu einem KGV zwischen 5 und 10.

Ein niedriges KBV kann durch schwache Rentabilität gerechtfertigt sein. Deshalb haben wir auch die Eigenkapitalrendite (Return on Equity, ROE) einbezogen. Sie muss mindestens 5% betragen. Damit scheiden sieben weitere Titel aus, 17 Werte bleiben übrig.

Als letzten Sicherheitscheck prüfen wir die Gewinnschätzungen der vergangenen drei Monate. Im Idealfall sind sie gestiegen, ein zweistelliges Minus ist ein Alarmzeichen. Das trifft auf drei Titel zu. A) Dürr und Stabilus: Bei ihnen wurden die Schätzungen um 28% und 19% gesenkt. Beide sehen damit wie eine Anlegerfalle aus. B) Deutsche Lufthansa (7,11 Euro; DE0008232125; Beobachten): Hier liegt das Minus bei 13,1%. Zwar hat die Airline gerade den Zuschlag für einen Minderheitsanteil an der portugiesischen TAP erhalten. Doch sie leidet unter hohen Kerosinpreisen und der Unsicherheit durch den Konflikt im Persischen Golf. Es bleiben 14 Werte. Ab hier entscheidet der Einzelfall.

Starre Grenzwerte für KBV und KGV spülen bestimmte Branchen überproportional in die Liste. Die Premiumhersteller BMW und Mercedes-Benz stehen wie VW strukturell unter Druck. BMW ist wegen seiner Modellpalette die bessere Wahl, wir meiden trotzdem beide. Das Gleiche gilt für Immobilienkonzerne, die oft hoch verschuldet sind. Ihre Aktien reagieren sensibel auf steigende Zinsen, jetzt kommt die geplante Vergesellschaftung von Wohnungen hinzu. Im August haben wir deshalb unsere Kaufpositionen im Sektor geschlossen. Bei Salzgitter waren wir bisher nicht investiert. Der Stahlkonzern hat den ROE-Filter mit 5,1% nur knapp passiert, sein KBV von 0,56 ist damit weitgehend gerechtfertigt.

Wo der Abschlag übertrieben ist Im DAX bleiben die Deutsche Bank und Fresenius Medical Care. Die Bank-Aktie (28,29 Euro; DE0005140008; Kaufen; Stopp: 24,50 Euro) hat seit Mitte September deutlich nachgegeben. Neue Impulse könnten die Quartalszahlen am 28.10. liefern. Die Erwartungen sind allerdings gedämpft, seit die US-Banken JPMorgan und Goldman Sachs berichtet haben. Sie profitierten ausgerechnet vom Aktienhandel. Im Anleihe- und Devisenhandel, dem Kerngeschäft der Frankfurter, schwächelten sie.

Gegenwind spürt auch Fresenius Medical Care (38,53 Euro; DE0005785802; Kaufen; Stopp: 33,50 Euro). Zuerst drückte der überraschende Wechsel an der Unternehmensspitze auf die Aktie des Dialysespezialisten. Dann folgte ein Reformentwurf des US‑Gesundheitsministeriums. Der „Kidney Care National Plan“ sieht mehr Wettbewerb im Dialysemarkt vor, dazu mehr Nierentransplantationen und bessere Prävention. Er zielt damit auf das Duopol, das Fresenius Medical Care und der Konkurrent DaVita im US-Markt bilden. Bis aus dem Entwurf verbindliche Regeln werden, dürfte es aber dauern. Und mehr Transplantationen scheitern bislang vor allem an fehlenden Spenderorganen. Die Zahl der Dialysepatienten dürfte deshalb weiter steigen. Wir halten das Risiko für überschaubar und die Kursreaktion für übertrieben. Die Analysten sehen das offenbar ähnlich: Ihre Gewinnschätzungen sind zuletzt gestiegen.

Im MDAX zählt Traton (33,48 Euro; DE000TRAT0N7; Kaufen; Stopp: 25,50 Euro) zu den günstigsten Titeln, ausgerechnet eine Tochter von VW. Doch das Lkw-Geschäft folgt einem eigenen Zyklus, die US-Nachfrage zieht an. Die Analysten haben ihre Gewinnschätzungen für den Nutzfahrzeughersteller in den vergangenen drei Monaten denn auch um fast 12% angehoben. Unter den niedrig bewerteten Aktien ist das selten. Die Kursschwäche halten wir deshalb für überzogen.

Kion ist die schwächste Aktie der Auswahl. Ihre Relative Stärke (RSL) liegt bei 0,85. Für antizyklische Anleger ist das eher eine Chance, vorausgesetzt die jüngste Prognosesenkung war die letzte. Der Intralogistiker hat seine Ziele gerade auf ein realistisches Niveau zusammengestrichen. Ob die Revisionen damit abgeschlossen sind, ist offen. Deshalb steigen wir bei der Aktie (33,82 Euro; DE000KGX8881; Akkumulieren) erst in zwei Tranchen bei 32 und 30 Euro ein.

Die Grenzen des Screenings Im SDAX zeigt sich das umgekehrte Bild. Procredit Holding und die Baumarktkette Hornbach Holding haben als einzige eine RSL über 1,0 und notieren nahe ihrem 52-Wochen-Hoch. Für antizyklische Investoren ist das ein Signal, dass der Spielraum nach oben schrumpft. Ein Momentum-Anleger würde dasselbe Signal als Kaufgrund lesen.

Die Zahlen allein reichen ohnehin nicht. Das zeigen zwei Werte, die im Screening noch recht solide aussahen. Bei der angeschlagenen Parfümeriekette Douglas kommt es nach mehreren Gewinnwarnungen zum Chefwechsel: Auf Sander van der Laan folgt im November Jean-Marc Bellaiche. Bei Kion-Wettbewerber Jungheinrich ist der Posten des Finanzchefs weiter unbesetzt. Die Bafin prüft nachträglich den Halbjahresabschluss 2025, und das Management musste die Gewinnprognose senken. Wir sind dort ausgestoppt worden.

Am Ende bleibt nur eine Handvoll: Deutsche Bank, Fresenius Medical Care und Traton, mit Abstrichen auch Kion.

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