PLATOW Börse - Beiersdorf nach den Quartalszahlen – sechs Stärken, sechs Haken

Von Platow Brief

Derma und La Prairie glänzen im dritten Quartal, die Kernmarke Nivea schwächelt weiter. Der Turnaround beim Konsumgüterkonzern lässt damit auf sich warten. Und hinter jedem Lichtblick steht ein Aber.>

Es war der erste Test seit der Prognosesenkung im August – und Beiersdorf hat ihn nur halb bestanden. Organisch sank der Umsatz um 1,3%, nominal stieg er dank Währungseffekten leicht um 0,4% auf 2,36 Mrd. Euro. Die Aktie verlor am Dienstag (27.10.) rund 3%. Wir haben sechs Stärken gefunden, hinter jeder einen Haken.

Erstens: Derma und Luxus glänzen, Nivea nicht. Das Derma-Geschäft (Eucerin, Aquaphor) wuchs organisch um 10,6%. Die Luxusmarke La Prairie legte dank China (+28%) um 8,5% zu. Beides übertraf klar die Erwartungen (8,7% bzw. 4,2%). Doch Nivea, mit über der Hälfte des Umsatzes das Herzstück, verlor erwartungsgemäß 4,9%. Beiersdorf betont lieber die Zahlen ohne Russland: Nivea -3,2%, Consumer +0,6%. Am Befund ändert das wenig. Der Streit mit einem russischen Partner ist beigelegt. Für Osteuropa erwartet CEO Vincent Warnery im vierten Quartal sogar ein Plus. In Russland bleibt Beiersdorf vertreten, um die Marke zu schützen, sagte er im Analystencall. Ein Teil des Schubs bei Derma und La Prairie dürfte zudem auf die Erstbestückung des Handels mit Neuheiten zurückgehen. Beziffert hat Beiersdorf das nicht.

Zweitens: Tesa verdient an der Elektronikindustrie mit. Smartphones und Laptops werden immer dünner, ihre Bauteile geklebt statt verschraubt. Die Klebelösungen dafür zählen zu den margenstärksten Geschäften der Sparte. Doch ausgerechnet der KI-Boom bremst: Chiphersteller lenken ihre Kapazitäten in Speicher für Rechenzentren, für Smartphones und Laptops bleibt weniger. Tesa verlor 4,3%. Ohne Elektronik stünde ein Plus von 2,4%, wieder eine bereinigte Zahl. Nach neun Monaten liegt Tesa organisch bei -2,1%. Um die Prognose (flach bis leicht wachsend) zu halten, bräuchte die Sparte im vierten Quartal nach Rechnung eines UBS-Analysten im Call über 7% Wachstum. Das ist ambitioniert. Selbst Finanzchefin Astrid Hermann spricht von großer Unsicherheit und eingeschränkter Sicht auf die kommenden Monate.

Prognose mit Vorgeschichte Drittens: Die Prognose steht. Beiersdorf erwartet organisch einen niedrigen einstelligen Umsatzrückgang. Die EBIT-Marge soll mindestens 11,8% erreichen, nach 14,0% im Vorjahr. Doch auch im April hatte der Konzern seine alte Prognose bestätigt – und sie dann im August gesenkt. Die „temporären“ Belastungen ziehen sich durchs ganze Jahr. Im Consumer-Geschäft dürfte auch das vierte Quartal leicht negativ ausfallen. Erst zum Jahresende sollen die Lieferungen an den Handel wieder dem Abverkauf entsprechen. Dieser Abverkauf wächst zwar, in Westeuropa bis August um rund 1%. Der Markt wächst aber schneller. Anteile verliert Nivea laut Warnery vor allem an lokale und koreanische Marken sowie an Handelsmarken. In den Schwellenländern gewinnt die Marke dagegen seit drei Monaten wieder hinzu. Stark lief die Sonnenschutz-Saison mit einem Abverkaufsplus von 6%. Ab 2027 ist Nivea Sun fünf Jahre lang Partner der Tour de France. Wachstum peilt Warnery aber erst 2027 an, steigende Margen ab 2028.

Viertens: Das Kursmomentum spricht für die Aktie, auf den ersten Blick. Die Relative Stärke nach Levy (RSL) lag vor den Zahlen bei 1,1, Rang 11 im DAX. Doch der Vergleichszeitraum beginnt erst nach dem Kurssturz vom 3. März, als ein enttäuschender Ausblick die Aktie an einem Tag um 20% einbrechen ließ. Zudem enthält er das Juni-Tief bei 67,30 Euro. Die Stärke ist vor allem eine Erholung von niedrigem Niveau.

Fünftens: Die Aktie ist günstiger als früher. Sie kostet das 20-Fache der für die nächsten zwölf Monate erwarteten Gewinne. Das liegt deutlich unter dem Zehnjahresschnitt (27). Im Sektor (Median 17) zählt sie aber zu den teuersten Werten, Henkel handelt zum 14-Fachen. Und die Gewinnschätzungen schrumpfen: Seit Juni sanken sie um rund 10%. Das Ergebnis je Aktie dürfte frühestens 2028 wieder das Niveau von 2025 erreichen. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht: Preiserhöhungen schließt Warnery für 2027 weitgehend aus, die Bruttomarge bleibt unter Druck. Neue Hoffnungsträger wie die Gesichtspflege FACE+ kosten 5 bis 6 Euro. Das ist gut für die Reichweite: 80% der Käufer hatten zuvor kein Nivea-Gesichtsprodukt. Für den Produktmix ist es schlecht. Das Ergebnis 2026 stützen zudem erstattete US-Zölle, ein Einmaleffekt.

Verlässlich, aber knauserig Sechstens: Die Dividende ist verlässlich. Seit mehr als 25 Jahren hat Beiersdorf sie nicht gesenkt. Doch die Ausschüttungsquote liegt nur bei rund einem Viertel des Gewinns. Mehr als zehn Jahre lang gab es 0,70 Euro je Aktie, seit dem Geschäftsjahr 2023 einen Euro. Das ergibt magere 1,2% Rendite. Das Rückkaufprogramm über bis zu 750 Mio. Euro, verteilt auf zwei Jahre, hebt die Gesamtrendite auf rund 3,4%. Voraussetzung: Beiersdorf schöpft es voll aus. Spielraum für mehr wäre da, die Nettoliquidität liegt bei rund 4 Mrd. Euro. Warnery will damit aber eher Zukäufe bei Derma und Luxus finanzieren.

Der Markt bleibt skeptisch: Die Leerverkaufsquote ist hoch. Und die nächste Belastung steht schon fest. Den Großteil der im August angekündigten zusätzlichen 100 Mio. Euro für Marketing gibt Beiersdorf laut Hermann erst im vierten Quartal aus. Die Marge dürfte dort deutlich nachgeben.

Seit unserem letzten Update Mitte März hat die Aktie (80,36 Euro; DE0005200000) gut 7% zugelegt. Die Risiken sind kaum kleiner geworden. Halb bestanden reicht uns nicht. Ein Kaufsignal wäre für uns ein Nivea-Abverkauf, der wieder Marktanteile gewinnt. Wir beobachten die Aktie weiter.

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