Erfolg in Europa entscheidet über Überleben chinesischer Autobauer
- von Nick Carey
Paris, 16. Okt (Reuters) - Auf der Pariser Automesse kämpfen 20 chinesische Hersteller um die Aufmerksamkeit der Besucher und zeigen neue Modelle, mit denen sie den europäischen Automarkt erobern wollen. Angesichts der schweren Krise auf dem chinesischen Markt geht es für sie nicht nur um neue Modelle: Europa könnte der Ort werden, an dem sich zeigt, welche chinesischen Hersteller überleben und welche nicht. Einige Hersteller wie BYD002594.SZ, Chery9973.HK oder die SAIC600104.SS-Marke MG haben schon Händlernetze aufgebaut und sich eine stabile Absatzbasis geschaffen, anderen steht diese Arbeit noch bevor. Für sie geht es um alles. "Ohne Exporte nach Europa werden sie sterben", sagte Francois Roudier, Generalsekretär der Internationalen Auto-Herstellervereinigung OICA.
Der Druck kommt aus China selbst. Dort tummeln sich mehr als 100 Autobauer, viele von ihnen mit Unterstützung der chinesischen Regierung, der Provinzen oder der Großstädte. Diese staatliche Beteiligung stand bislang einer größeren Konsolidierung im Weg. Allerdings hat sich der Wind gedreht. Im September legte die Regierung in Peking Pläne vor, wie China bis 2030 zu einer weltweit führenden Autonation werden soll. Das Industrieministerium erklärte dazu, es setze sich für eine Konsolidierung der Branche ein.
Als ein erster Testfall gilt der Zusammenschluss der Toyota7203.T-Partner FAW und Guangzhou Automobile Group (GAC)601238.SS. Im vergangenen Monat einigten sich die beiden Unternehmen auf eine Fusion, in deren Rahmen FAW zum zweitgrößten Anteilseigner von GAC wird. Der Zusammenschluss sei auch deswegen interessant, weil er mit FAW ein Unternehmen im Besitz der Zentralregierung und mit GAC einen Autobauer unter Kontrolle der Provinz Guangdong umfasst, sagten Analysten.
Die Regierung in Peking werde Fusionen mit Bedacht steuern, sagte Pedro Pacheco, Analyst beim Beratungshaus Gartner. "Sie wollen nicht, dass das Bild entsteht, dass Dringlichkeit oder sogar Verzweiflung herrscht." Branchenexperten gehen davon aus, dass langfristig eine Handvoll international wettbewerbsfähiger Autobauer übrig bleiben. "Unsere Annahme ist, dass diese Hersteller jeweils fünf bis sechs Millionen Autos jährlich bauen", sagte ein Manager eines großen chinesischen Autobauers, der nicht genannt werden wollte.
Entsprechend gilt Europa für die Unternehmen als der Markt, auf dem sich zeigt, wer es schaffen kann. "Die chinesische Regierung wird sicherlich das Abschneiden im Ausland ansehen, vor allem in Europa", sagte Omdia-Experte Liu. "Wenn ein Unternehmen im Ausland erfolgreich ist, wird die Regierung anerkennen, dass es ohne Hilfe überleben kann."
Hilfe vom Heimatmarkt ist nicht zu erwarten. In China sank im ersten Halbjahr die Zahl der Neuzulassungen um ein Fünftel, und eine schnelle Erholung ist nicht in Sicht. Bis das Niveau von 2025 wieder erreicht wird, dauert es nach Einschätzung von Henner Lehne, Prognosechef bei Mobility Global, wohl bis 2031. Zugleich sind viele Hersteller auf Wachstum gepolt. Chris Liu, Experte beim Analysehaus Omdia, sagte, im laufenden Jahr würden im Schnitt täglich drei neue Modelle vorgestellt. "Es ist das schlechtestmögliche Jahr, ein neues Modell in China auf den Markt zu bringen."
Zugleich wird es in Europa zunehmend schwieriger, noch Lücken zu finden. Der bislang zollbegünstigte Export von Hybridautos soll nach einer Einigung zwischen der EU-Kommission und der Regierung in Peking gedeckelt werden. Die besten Händlerstandorte sind besetzt. Zudem sind Investitionen in Ersatzteile und Werkstätten nötig, um die europäischen Kunden langfristig zu binden. Auch spielt der Weiterverkauf gebrauchter Autos in Europa eine wichtigere Rolle als in China, zumal bei Elektroautos der Leasing-Anteil steigt. All das kostet Zeit und Geld. Great Wall601633.SS etwa ist bei seinem ersten Versuch gescheitert und versucht sich jetzt an einem Comeback.
Philip Nothard vom Händler-Dienstleister Cox Automotive sagte, BYD, Chery und MG hätten viel investiert, um sich in Europa einen Platz zu sichern. Entsprechend bleibe wenig Raum für Neuankömmlinge. "Wir werden vier oder fünf große chinesische Autobauer sehen und andere, die kommen und gehen", sagte er.