Der PLATOW Brief - Schutz von Rechenzentren: Viel Risiko, wenig Transparenz

Von Platow Brief

Swiss Re und Munich Re wittern bei Rechenzentren ein Milliardengeschäft, trotz Feuer- und Katastrophenrisiko. Die Antwort auf die wichtigste Frage bleiben beide schuldig.>

Wegen des digitalen Fortschritts sehen Rückversicherer Dollarzeichen. Die Voraussetzung für den KI-Boom sind Rechenzentren, und Munich-Re-Chef Christoph Jurecka zählt sie entsprechend zu den Wachstumsfeldern: „Man kann an KI denken, man kann an Rechenzentren denken. Es gibt einfach viel Risiko, das Deckung braucht und künftig Deckung erfordern wird.“ Der Rückversicherer schreibt in einer Publikation von einer „nahezu unersättlichen Nachfrage“ nach Rechenzentren, jede Woche kämen neue Projekte hinzu, ein großer Teil gehe in die Bauphase.

Der Mitbewerber Swiss Re rechnet die Dimension vor: AI-Rechenzentren könnten zwischen 2026 und 2030 ein Prämienpotenzial von 91 Mrd. Dollar erreichen. Bis 2030 soll die jährliche Prämie auf 24,2 Mrd. Dollar steigen, heute liegt sie bei 10,6 Mrd. Dollar. Wird zu den Rechenzentren, die enorm viel Energie verschlingen, noch die Versorgung mit erneuerbarer Energie hinzuaddiert, wächst das Potenzial laut der Schweizer für denselben Zeitraum sogar auf 200 Mrd. Dollar.

Allerdings stehen dem Potenzial erhebliche klimatische, politische und betriebsbedingte Probleme gegenüber. Darüber sprechen die beiden Rückversicherungsriesen weniger gerne als über das Potenzial.

Feuer, Sturm und die Unbekannte Die USA mit Technologiekonzernen wie Alphabet, Amazon und Meta sowie chinesische Anbieter des sogenannten BATX-Quartetts (Baidu, Alibaba, Tencent, Xiaomi) zählen zu den prägenden Kräften des KI-Booms. Die bestehenden oder sich im Aufbau befindlichen Rechenzentren der amerikanischen Unternehmen stehen allerdings nicht selten in für Naturkatastrophen bekannten Gebieten.

Rund 80% der weltweiten Kapazität liegt laut dem Industrie- und Spezialversicherer Allianz Commercial in Naturkatastrophenregionen, in Amerika sogar 86%. Swiss Re beziffert allein für die USA über 40% der Kapazität in Tornadozonen und über 25% in Hagelgebieten. Trotz der Naturrisiken bleibt Feuer mit über 50% Anteil an solchen Schäden der größte Einzeltreiber.

Mit der zunehmenden Leistungsdichte der Rechenzentren steigt auch das Risiko technischer Ausfälle. Fällt etwa die Stromversorgung oder Kühlung aus, können hohe Schäden entstehen, zumal Ersatzteile für spezialisierte Technik oft lange Lieferzeiten haben und die Betriebsunterbrechung entsprechend teuer werden kann.

Auf die Frage, wie sie diese Risiken beherrschen wollen, bleiben beide Unternehmen vage. „Für Swiss Re steht risikoadäquates Underwriting im Vordergrund. Wir verbinden technische Risikoanalyse und Engineering-Expertise mit einer klaren Einschätzung des Schadenpotenzials und möglicher Akkumulationen“, sagt uns Jimmy Keime, Head Engineering & Nuclear. Ein Unternehmenssprecher der Munich Re verweist auf die Erfahrung mit bereits bestehenden Rechenzentren und betont „Expertise und Augenmaß“.

Die Verhältnisfrage Allerdings sind die Aussagen der Munich Re zur Dimension von Gefahren widersprüchlich. Die Ausmaße der Gefahren hätten sich so stark verändert, „dass traditionelle Versicherungsmodelle an Grenzen stoßen“, heißt es in einer Publikation. Der Unternehmenssprecher erklärt allerdings, „Kapazitäten sind reichlich vorhanden“. Entscheidend wäre eine „Balance aus erzielbaren Raten und Exposure“ – also die Balance aus erzielbaren Raten und Risikoumfang.

Das bestätigt uns der Swiss Re-Experte Keime. „Rechenzentren würden eine bedeutende und wachsende Konzentration versicherter Werte darstellen“, erklärt er. Dennoch gelte: „Ein hoher Versicherungswert allein macht ein Risiko jedoch nicht unversicherbar.“ Allerdings gilt auch: Eine hohe Versicherungsprämie allein sorgt nicht für Versicherbarkeit.

Wie sie dieses Verhältnis sicherstellen, verraten beide Häuser nicht. Keines der beiden Unternehmen erwähnt Kooperationen von Versicherern, wie sie beispielsweise bei der Absicherung von Flugzeugen in der Erstversicherung Standard ist. Auch der Terrorversicherer Extremus zeigt, wie Versicherer im Verbund Großrisiken tragen. Bei einem Rechenzentrum im Wert von bis zu 50 Mrd. Dollar kann ein hoher Schaden für den Versicherungsmarkt eine ähnliche Größenordnung erreichen wie der Absturz einer großen Passagiermaschine.

Offen bleibt auch, ob die beiden Häuser die Rechenzentren klassisch in der Rückversicherung decken, also als Absicherung eines Erstversicherers, oder über ihre hauseigenen Spezialversicherer. Selbst ob nur der Bau oder auch das fertige Rechenzentrum versichert wird, bleibt trotz Anfrage an beide Häuser unklar. Laut einer Munich Re-Publikation werden Bau und Betrieb separat, nacheinander versichert.

Wer am Ende welches Risiko trägt und wie sich das im Schadenfall in den Bilanzen zeigt, bleibt bisher noch Betriebsgeheimnis der Rückversicherer.

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