Volkswirte zur überraschend gestiegenen Produktion im September
Berlin, 06. Nov (Reuters) - Die deutschen Unternehmen haben ihre Produktion im September überraschend gesteigert. Industrie, Bau und Energieversorger stellten zusammen 0,7 Prozent mehr her als im Vormonat, wie das Statistische Bundesamt am Freitag mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten mit einer Stagnation gerechnet, nach einem Zuwachs von revidiert 1,0 (vorläufiger Wert: 2,0) Prozent im August. Experten äußerten sich in ersten Kommentaren zu den aktuellen Daten:
MARC SCHATTENBERG, VOLKSWIRT DEUTSCHE BANK RESEARCH:
"Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe stieg im September den zweiten Monat in Folge. Ein entscheidender Treiber war der außergewöhnlich kräftige Produktionsanstieg in der Automobilindustrie. Allerdings ist dieser größtenteils auf den Wegfall von bremsenden Sonderfaktoren zurückzuführen, die in den beiden Vormonaten für empfindliche Produktionseinbußen gesorgt hatten. Robuste Auftragseingänge und die in verschiedenen Industriezweigen bereits prall gefüllten Orderbücher dürften ein gutes Fundament für eine weitere Stabilisierung der Produktion sein. Das spiegeln auch die zuletzt deutlich optimistischeren Stimmungsindikatoren wider. Allerdings dürften zunächst die hohen Öl- und Gaspreise sowie der strukturelle Wandel in Schlüsselindustrien einer noch kräftigeren Erholung im Wege stehen."
SEBASTIAN DULLIEN, WISSENSCHAFTLICHER DIREKTOR IMK:
"Der heute veröffentlichte Anstieg der Industrieproduktion zeigt: Die Erholung der deutschen Industrie und damit der deutschen Wirtschaft ist intakt. Zwar muss das Plus gemeinsam mit einer Abwärtsrevision der Daten aus dem Vormonat interpretiert werden, in den Details gibt es aber erfreuliche Überraschungen. So legte die Produktion in der Automobilindustrie um beeindruckende 17,1 Prozent zum Vormonat zu. Damit zeigt sich nun, dass die Produktionsschwäche in der Kfz-Produktion im Juli und August zu einem spürbaren Teil der besonderen Lage der Sommerferien und Werksferien geschuldet war und der unterliegende Trend etwas besser als von einigen befürchtet war."
DIRK SCHUMACHER, CHEFVOLKSWIRT KFW:
"Die Produktionszahlen sind sehr volatil - das macht es schwierig, den zugrundeliegenden Trend in Echtzeit zu identifizieren. Die Septemberzahlen deuten auf eine Stabilisierung der Produktion in der Industrie hin. Die Zahlen zum Auftragseingang und die Stimmungsindikatoren legen nahe, dass sich das Momentum in den nächsten Monaten verbessern wird. Selbstverständlich gibt es weiterhin eine lange Liste an Risikofaktoren, die den Aufschwung in der Industrie beenden könnten, bevor er überhaupt richtig ins Rollen gekommen ist. Die Nervosität der Finanzmärkte bezüglich des weiteren Ausbaus der KI-Infrastruktur ist nur ein Beispiel hierfür."
JÖRG KRÄMER, CHEFVOLKSWIRT COMMERZBANK:
"Die Industrieproduktion ist im September leicht gestiegen, aber die Statistiker haben den Vormonat nach unten revidiert. Alles in allem bewegt sich die Industrieproduktion weiter auf niedrigem Niveau seitwärts. Der Anstieg des Ifo-Geschäftsklimas deutet darauf hin, dass die Produktion in den kommenden Monaten etwas zulegen könnte. Aber eine solche Erholung dürfte wegen des China-Schocks, Trumps Zöllen und des Reformstillstands moderat ausfallen."
THOMAS GITZEL, CHEFVOLKSWIRT VP BANK:
"Die Produktion überrascht. Nach dem ursprünglich publizierten deutlichen Anstieg im August war ein Rücksetzer erwartet worden. Da allerdings der Vormonatswert deutlich nach unten revidiert wurde, muss der positive Produktionszuwachs im September etwas relativiert werden."
ALEXANDER KRÜGER, CHEFVOLKSWIRT BETHMANN HAL:
"Die Produktion sattelt noch mal drauf, ohne das Quartal wirklich zu retten. Hierzu haben die Werksferien, aber auch die Sonderkonjunktur in der Chemie beigetragen. Ohne das Niedrigwasser in deutschen Flüssen wäre die Produktion wohl höher ausgefallen. Ob der Auftragsfunke langsam auf die Produktion überzuspringen scheint, bleibt noch abzuwarten. Dazu müssten auch weiter mehr Investitionsgüter produziert werden. Die Kapazitätsauslastung hat noch viel Luft nach oben."