PLATOW Börse - DHL hebt die Prognose an – doch die Luft ist raus
Die Anhebung beim Logistikkonzern war erwartet, die Express-Sparte glänzt, das Briefporto soll steigen. Einen neuen Kursschub könnte erst ein ambitioniertes Mittelfristziel im März liefern. Was das jetzt für die Aktie bedeutet.>
Die Nachricht kam am Freitagabend (16.10.) nach Handelsschluss: DHL hebt die EBIT-Prognose für 2026 erneut an, auf über 7,0 Mrd. Euro (zuvor: über 6,5 Mrd. Euro). Überrascht hat sie kaum, denn der Konsens lag bereits bei 7,0 Mrd. Euro.
Die Anhebung entfällt vollständig auf die DHL-Divisionen. Für Post & Paket Deutschland gilt unverändert ein Ziel von über 0,9 Mrd. Euro. Die Free-Cashflow-Prognose steigt trotz höherer Investitionen auf über 3,2 Mrd. Euro (bisher: rund 3,0 Mrd. Euro). Sie bleibt aber unter den erwarteten rund 3,4 Mrd. Euro.
Im dritten Quartal stieg das EBIT vorläufigen Zahlen zufolge um 16% auf 1,71 Mrd. Euro und übertraf den Konsens um rund 4%. Für das Schlussquartal verschafft sich das Management ein Polster. Die Prognose erfordert knapp 1,96 Mrd. Euro, Analysten rechnen mit 2,05 Mrd. Euro. Erste Signale deuten laut dem Postkonzern auf ein robustes Weihnachtsgeschäft. Die Börse quittierte die Zahlen am Montag (19.10.) dennoch mit einem Minus von rund 1%.
Express trägt, die Post schwächelt Ergebnistreiber bleibt Express. Das Segment-EBIT stieg im dritten Quartal auf 1,04 Mrd. Euro (Vj.: 692 Mio. Euro) und lag rund 6% über den Erwartungen. Etwa 100 Mio. Euro davon gehen auf knappe Luftfrachtkapazitäten infolge des Iran-Kriegs zurück. Nach neun Monaten summiert sich dieser Effekt nach bisherigen Angaben auf mindestens 280 Mio. Euro. DHL profitiert unter anderem davon, freien Frachtraum der eigenen Flotte zu steigenden Marktpreisen an andere Kunden zu verkaufen.
Der Rest ist strukturell. Im zweiten Quartal wuchs das transportierte Gewicht im internationalen Expressgeschäft um gut 9%, getragen von schweren Industriesendungen, und die Luftfrachtkosten je Kilogramm lagen gut 11% unter Vorjahresniveau. Für das dritte Quartal signalisiert DHL ein ähnliches Volumenplus, die Details folgen mit dem Bericht am 5. November. Jeder Prozentpunkt mehr Auslastung der Flugzeuge schlägt sich mit etwa 80 bis 100 Mio. Euro direkt im Ergebnis nieder, so DHL-Express-Manager Travis Cobb beim Capital Market Briefing Mitte September.
Global Forwarding übertraf mit 260 Mio. Euro (Vj.: 195 Mio. Euro) den Konsens um knapp 17%. Supply Chain lag mit 300 Mio. Euro (Vj.: 278 Mio. Euro) im Rahmen der Erwartungen. Die Sparte eCommerce stagnierte, bereinigt um Sondereffekte im Vorjahr. Schwach bleibt Post & Paket Deutschland, wo das EBIT wegen sinkender Briefmengen und höherer Kosten auf 150 Mio. Euro (Vj.: 218 Mio. Euro) einbrach.
Rückenwind kommt von der Bundesnetzagentur in Bonn. Zum Januar 2027 soll die Post das Briefporto um durchschnittlich 20,35% anheben dürfen, fast doppelt so stark wie bei der letzten Runde. Die neuen Preise gelten dann zwei Jahre. Die endgültige Entscheidung darüber fällt im November. Gegenwind kommt hingegen aus Berlin. Das Kabinett will die Umsatzsteuerbefreiung für Geschäftskundenbriefe streichen.
März als nächster Prüfstein Spannender als 2026 ist 2027. Wie lange der Iran-Effekt anhält, ist offen. Analysten rechnen trotzdem mit einem EBIT-Plus von rund 5% auf 7,4 Mrd. Euro, für 2028 mit 7,8 Mrd. Euro. Fiele der Effekt weg, entstünde eine Lücke. Schließen müssten sie vor allem das höhere Porto, weiteres Wachstum bei Express und Supply Chain sowie eine weitere Margenverbesserung bei Global Forwarding.
Das bisherige Mittelfristziel von über 7,0 Mrd. Euro galt für ein normalisiertes Umfeld. DHL dürfte es schon 2026 erreichen, wenn auch mithilfe des Iran-Effekts. Im März will der Konzern das Ziel überprüfen. Ein neues Ziel auf Höhe der Analystenschätzungen würde nur bestätigen, was ohnehin erwartet wird. Für einen Kursimpuls müsste DHL deutlich mehr in Aussicht stellen.
Bis dahin fehlt ein Treiber. Seit Juli pendelt die Aktie zwischen 54 und knapp 59 Euro. Die relative Stärke nach Levy (RSL) ist auf rund 1,07 gesunken. Der Kurs notiert damit zwar weiterhin über dem 130-Tage-Mittel von derzeit 53,76 Euro, aber tendenziell eher seitwärts. Der RSL liegt seit Anfang Mai jedoch durchgehend über 1,0.
Das KGV auf Sicht von zwölf Monaten ist von 15,5 im Juli auf 15,0 gesunken, weil Analysten ihre Schätzungen angehoben haben. Es liegt aber deutlich über dem Zehnjahresschnitt. Im Branchenvergleich ist DHL höher bewertet als PostNL (10,7) und UPS (12,4), etwa gleichauf mit FedEx (14,4) und günstiger als die Österreichische Post und DSV (beide 16,1).
Auch der Aktienrückkauf liefert derzeit kaum Schub. Von den bis Ende 2027 vorgesehenen 6,5 Mrd. Euro sind bereits 5,2 Mrd. Euro ausgeschöpft. Seit September kauft DHL allerdings nur noch für rund 1 Mio. Euro pro Tag eigene Aktien zurück, in diesem Tempo bliebe ein Großteil des Restvolumens ungenutzt.
Seit unserer Erstempfehlung im Februar 2023 (41,40 Euro) liegt die Aktie (57,36 Euro; DE0005552004) inklusive Dividenden gut 55% vorn. Operativ bleiben wir überzeugt. Große Bewertungsfantasie sehen wir nach dem Kursplus aber vorerst nicht. Investierte Leser verkaufen daher die Hälfte ihrer Position und ziehen den Stopp auf 46 Euro nach (zuvor: 37 Euro). Neuleser akkumulieren bei einem Rücksetzer auf 50 Euro.