PLATOW Börse - Deutsche Börse leiht sich Geld, weil sie es kann
Die Deutsche Börse hat erstmals in ihrer Firmengeschichte eine Wandelanleihe platziert. Über die Gründe schweigt sich der Börsenbetreiber aus. Die Konditionen aber sprechen für sich.>
600 Mio. Euro, 5 Jahre Laufzeit, 0,5% Kupon: Erstmals in ihrer Firmengeschichte hat die Deutsche Börse eine Wandelanleihe platziert. Am Mittwoch (9.9.) zeichneten institutionelle Anleger das Papier im Schnellverfahren. Im September 2031 kann es zu 107,85% des Nennwerts zurückgezahlt werden, macht rund 2% Verzinsung pro Jahr. Oder es wird zu 363,67 Euro je Aktie gewandelt, einem Aufschlag von 32,5% auf den Referenzkurs von 274,47 Euro.
Nach dem Warum fragt man beim Börsenbetreiber vergeblich. „Die Emission hat keinen M&A-Hintergrund. Die Erlöse werden für allgemeine Unternehmenszwecke eingesetzt“, sagt ein Unternehmenssprecher. Die Börse habe sich ein „hochgradig flexibles und attraktives Instrument“ gesichert und nutze „das aktuell günstige Marktumfeld optimal, um (sich) langfristig attraktive Konditionen zu sichern.“
Teil des neuen Werkzeugkastens Mit der Begebung der Anleihe machen die Frankfurter von ihren neuen „Capital Allocation Principles“ Gebrauch. Die Deutsche Börse hatte sie im Frühjahr 2025 vorgestellt, CEO Stephan Leithner konkretisierte sie beim Kapitalmarkttag im vergangenen Dezember weiter. Neben steigenden Dividenden und regelmäßigen Rückkäufen gehört auch ein erweiterter Werkzeugkasten an Finanzierungsinstrumenten dazu. Die Wandelanleihe sei dessen erste Anwendung, so der Sprecher.
Der Zeitpunkt wirft dennoch Fragen auf. Die Deutsche Börse steckt mitten in der Übernahme von Allfunds. Den mit 5,3 Mrd. Euro teuersten Zukauf der Firmengeschichte bezahlt der Börsenbetreiber nur zum Teil mit eigenen Aktien. Ein Teil der Erlöse aus der Wandelanleihe dürfte bei der Finanzierung helfen. Wichtiger als das Motiv ist aber, was die Konditionen selbst verraten. Nur ein Konzern mit starker Verhandlungsposition erhält derart günstige Konditionen. Von Notfinanzierung keine Spur, eher von der Fähigkeit, sich Kapital nach eigenen Bedingungen zu beschaffen.
Welche Verwässerung? Bleibt die mögliche Verwässerung, der eigentliche Prüfstein für Aktionäre. Bei vollständiger Wandlung entstünden rund 1,65 Mio. neue Aktien. Gemessen an knapp 182,2 Mio. ausstehenden Papieren ist das ein überschaubarer Anteil von 0,9% am Grundkapital.
Selbst dieser Wert dürfte zu hoch gegriffen sein. Denn neben dem nominalen Wandlungspreis weist die Deutsche Börse einen „effektiven“ Wandlungspreis von 392,21 Euro mit einer Prämie von 42,9% aus. Er berücksichtigt, dass ein Gläubiger am Laufzeitende sonst bar 107,85% des Nennwerts erhielte. Wandeln lohnt sich für ihn erst, wenn der Aktienwert diesen Betrag übertrifft. Ausgehend vom Referenzkurs also erst nach einem Kursplus von 43,3% bis 2031, umgerechnet etwa 7,4% pro Jahr. Das liegt spürbar über den 5,8% p.a. (+32,9% kumuliert), die für den nominalen Wandlungspreis reichen würden. Kommt es also überhaupt zur maximalen Verwässerung, haben heutige Aktionäre bis dahin bereits ein ordentliches Kursplus verbucht. Das gleicht den ohnehin minimalen Verwässerungseffekt mehr als aus.
Der Soft Call als zusätzliche Absicherung Ab dem 5. November 2029 kann die Deutsche Börse den Soft Call ziehen. Sie darf die Anleihe vorzeitig kündigen, sobald der Kurs rund 503 Euro erreicht. Auch dieses Szenario wäre für Aktionäre kein Grund zur Klage. Ein Kursgewinn von fast 84% bis dahin entschädigt für die leichte Verwässerung.
Der Markt jedenfalls bleibt gelassen. Die Aktie (276,30 Euro; DE0005810055) fiel am Platzierungstag um 2,3%, nur moderat mehr als der DAX im ohnehin schwachen Umfeld. Am Donnerstag (10.9.) legte unser Musterdepotwert bereits wieder leicht zu. Analysten haben ihre Gewinnschätzungen für die Deutsche Börse seit Jahresbeginn um 13% angehoben. Die Aktie kostet nun das 20,4-Fache der für die kommenden zwölf Monate erwarteten Gewinne. Das liegt über dem Zwölfjahresschnitt von 19,1. Die Prämie von 7% ist angesichts der Wachstumsdynamik aber gerechtfertigt.
Die Deutsche Börse bleibt Core Position in unserem Musterdepot, ohne Stopp. Investierte Leser halten das Papier, Neuleser warten auf eine günstigere Einstiegsgelegenheit.