Konflikt in Nahost bringt Europas Ölkonzernen Milliardengewinne ein
Wien/London, 29. Okt (Reuters) - Gestiegene Öl- und Gaspreise infolge des Konflikts in Nahost sowie rekordhohe Raffineriemargen haben Europas Ölkonzernen im dritten Quartal Milliardengewinne beschert. Der britische Konzern ShellSHEL.L, sein französischer Rivale TotalEnergiesTTEF.PA und die österreichische OMVOMVV.VI verbuchten die besten Ergebnisse seit dem Rekordjahr 2022. Damals hatten die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine die Energiepreise auf Höchststände getrieben. Auch der spanische Konzern RepsolREP.MC meldete einen Gewinnsprung. Shell, TotalEnergies und Repsol kündigten zudem milliardenschwere Aktienrückkäufe an. Die Aktien aller drei Konzerne legten nach der Veröffentlichung ihrer Zahlen zu. Die Ergebnisse des britischen Rivalen BPBP.L sowie der US-Konzerne ChevronCVX.N und Exxon MobilXOM.N werden für Freitag erwartet.
Vor allem das Geschäft mit der Verarbeitung von Rohöl zu Benzin oder Diesel entwickelte sich für die Konzerne als äußerst profitabel. Die Raffineriemargen von Shell und TotalEnergies vervierfachten sich nahezu auf 42 beziehungsweise 33,2 Dollar je Barrel. Auch bei der OMV hat sich die Raffinerie-Referenzmarge auf 37,50 Dollar je Fass mehr als verdreifacht.
Dies schlug sich auch in den Bilanzen nieder: TotalEnergies konnte seinen bereinigten Nettogewinn auf 9,1 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln und damit die Markterwartungen deutlich übertreffen. Shell verdoppelte seinen Nettogewinn im Vergleich zum Vorjahr nahezu auf 10,81 Milliarden Dollar und schlug auch die Prognosen der Analysten. Bei der OMV verdoppelte sich der bereinigte Überschuss (CCS) nahezu auf 1,15 Milliarden Euro und übertraf ebenfalls die Erwartungen. Auch Repsol übertraf mit einem bereinigten Nettogewinn von 2,71 Milliarden Euro die Erwartungen der Analysten; im Vorjahreszeitraum hatte der Gewinn bei 752 Millionen Euro gelegen.
Zudem kündigten die Konzerne Aktienrückkäufe an. Shell will sein laufendes Programm von drei auf fünf Milliarden Dollar aufstocken. TotalEnergies plant für das vierte Quartal den Rückkauf eigener Papiere im Wert von 2,5 Milliarden Dollar. Repsol will einen Aktienrückkauf im Wert von 950 Millionen Euro auflegen.
Analysten der Investmentbank Jefferies bezeichneten die Ergebnisse von TotalEnergies als "solide, aber nicht herausragend", da die Öl- und Gasproduktion die Konsensschätzung verfehlt habe. Der Konzern verbuchte zudem eine Abschreibung von 1,9 Milliarden Dollar. Shell wiederum litt unter Produktionsausfällen in Katar, das von iranischen Gegenangriffen im Zuge des von den USA und Israel begonnenen Kriegs gegen die Islamische Republik betroffen war. Diese trugen zu einem Rückgang der Öl- und Gasförderung bei. Shell schrieb zudem rund zwei Milliarden Dollar auf sein europäisches Biogasgeschäft ab.
Bei der OMV wurde das starke Ergebnis ebenfalls durch ein gemischtes Bild getrübt. Getragen wurde der Gewinnsprung vor allem von der Energiesparte und vom Raffineriegeschäft, dessen operatives Ergebnis sich nahezu verdreifachte. Dem stand jedoch eine Schwäche in der Chemiesparte gegenüber, deren operatives Ergebnis von 222 Millionen Euro im Vorjahr auf 63 Millionen Euro einbrach. Analysten der Erste Group bezeichneten das Ergebnis der Sparte als "klare Enttäuschung". Zudem gingen die Verkaufsmengen im Fördergeschäft wegen logistischer Engpässe im Nahen Osten um 26 Prozent zurück. Für das Gesamtjahr hob der Konzern seine Prognose für den durchschnittlichen Preis der Nordsee-Ölsorte Brent sowie die Raffineriemarge an.
Die hohen Gewinne befeuern zugleich die politische Debatte über eine stärkere Besteuerung. Mehrere EU-Finanzminister, darunter die aus Deutschland und Österreich, sprechen sich für eine europaweite Abgabe auf Krisengewinne von Energiekonzernen aus. In Österreich wird mit dem Energiekrisenbeitrag bereits eine entsprechende Sondersteuer eingehoben, die auch die OMV belastet. Die EU-Kommission zeigte sich zuletzt zurückhaltend und verwies darauf, dass die Mitgliedstaaten entsprechende Maßnahmen bereits auf nationaler Ebene umsetzen könnten.