Der PLATOW Brief - Bezahldienst Wero: Ein Fehler und seine bitteren Folgen
Die European Payments Initiative (EPI) beendet eine Cashback-Aktion ihres Echtzeit-Bezahldienstes Wero wegen zu hoher Nachfrage nach nur fünf Tagen. Welches die wahren Hintergründe für den Stopp sind.>
Ganze fünf Tage dauerte die Marketingaktion von Wero. Dann beendete die European Payments Initiative (EPI) sie abrupt. Der Zahlungsdienst hatte Neunutzern insgesamt 15 Euro Cashback versprochen. Die Bedingung: Sie mussten mindestens zwei anderen Wero-Nutzern Beträge von wenigstens einem Cent schicken. EPI wollte auf diese Weise nicht nur neue Nutzer für Wero gewinnen. Sie sollten den Bezahldienst danach weiter regelmäßig nutzen. Auf der Website begründet die Initiative das Ende mit der „sehr hohen Nachfrage“. Ob die Aktion ihr Ziel erreicht hat, ist nach unseren Recherchen trotzdem überaus zweifelhaft.
Welche Nebenwirkungen sie hatte, zeigt jedenfalls der Fall des gemeinnützigen Vereins Inklu Fusion aus der Nähe von Kiel. Er setzt sich für die Rechte von Menschen mit Behinderung im Alltag ein. Binnen kürzester Zeit gingen auf seinem Konto 8.000 Wero-Zahlungen ein. Die Bank des Vereins witterte Betrug und sperrte das Konto des Vereins tagelang. Teuer wurde es obendrein: Einnahmen von 450 Euro standen 770 Euro an Gebühren gegenüber. Nach eigenen Angaben stand der Verein damit am Rand der Zahlungsunfähigkeit. Glücklicherweise erließ die Bank die Kosten. Der Imageschaden für Wero aber ist da.
EPI hält sich bei Zahlen bedeckt Man sei sich der Schwierigkeiten bewusst, die die Aktion für Inklu Fusion verursacht habe, teilte EPI auf Anfrage mit. „Das bedauern wir aufrichtig.“ Zahlungen, mit denen Nutzer eine Werbeprämie erhalten wollen, hält die Initiative aber nicht automatisch für betrügerisch. Einen Teil der Verantwortung schiebt die Initiative sogar den Nutzern zu: Wer die Teilnahmebedingungen einhalte, sei nicht davon entbunden, „auch die Konsequenzen für andere zu berücksichtigen“.
Wie viele Nutzer sich neu angemeldet haben und wie hoch das Auszahlungskontingent war, verrät EPI nicht. Vermutlich war der Topf schnell leer. Aber: „Nur weil es viele Menschen in kurzer Zeit nutzen, kann das nicht automatisch als Erfolg gesehen werden“, sagt Zahlungsexperte Björn Wessel. Der Berater kennt solche Aktionen aus eigener Erfahrung. Zuvor war er Geschäftsführer beim Schweizer Bezahldienst Twint. Um die Nutzung anzukurbeln, hatte Twint 2015 einen Startbonus von zehn Schweizer Franken ausgelobt. Nur 2% blieben danach als regelmäßige Nutzer. Ähnliches befürchtet Wessel bei Wero. Als Erfolg wertet er eine Konvertierungsrate von mehr als 10%. Das Design der Wero-Aktion lasse eher vermuten, dass die meisten neuen Nutzer das Geld bei einem Händler einlösten. Danach nutzten sie den Zahlungsdienst nicht mehr.
Strategische Fehler Wessel sieht strategische Fehler bei der Wero-Aktion. Erstens die niedrige Mindestgrenze für Zahlungen von einem Cent: Sie führte wie bei Inklu Fusion zu Tausenden Kleinstzahlungen. Zweitens erlaubte die Aktion auch Zahlungen zwischen Privatpersonen. Das Senden von Geldbeträgen zwischen Privatpersonen hat aber Marktführer Paypal längst fest im Griff. „Darüber gewinnt man keine Nutzer mehr“, sagt er.
Dass sich die Zahlungen bei Empfängern wie dem Verein ballten, deutet laut Wessel auf ein weiteres Problem hin: Viele Nutzer fanden zu wenige Wero-Kontakte im Adressbuch. Stattdessen machte in Internetforen der Trick die Runde, einem ahnungslosen Verein Geld zu schicken. Auch bei Händlern ist Wero noch zu wenig verbreitet. „Das Ziel eines Zahlungsdienstes sollte sein, eine wöchentliche Relevanz beim Kunden zu haben“, sagt der Zahlungsexperte. „Dann können solche Aktionen funktionieren.“
Lehren aus der eingestampften Aktion Daran arbeitet EPI seit Monaten. Gerade ist Wero der Non-Profit-Organisation Nexo Standards beigetreten. Sie entwickelt einen offenen Standard für Zahlungsannahmen. Davon verspricht sich die Zahlungsinitiative, mehr Händler zu erreichen. Zudem kündigt Wero auf der Website an, dass „weitere spannende Aktionen in Planung“ seien. Auf unsere Nachfrage gab es dazu keine näheren Angaben.
Aus der schnell wieder eingestampften Marketingaktion will EPI immerhin Lehren ziehen. Mit dem niedrigen Mindestbetrag habe man den Nutzern möglichst viel Flexibilität geben wollen, teilt die Initiative mit: „Wir erkennen jedoch an, dass der Eingang einer großen Zahl sehr kleiner Zahlungen für eine Organisation Schwierigkeiten verursachen kann.“ Gemeinsam mit den Mitgliedsbanken überprüfe man die Vorfälle. Künftige Werbeaktionen sollen die Erfahrungen und Interessen der Zahlungsempfänger ebenso berücksichtigen wie die der Teilnehmer.